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Besprechung
1/2.2017


Katharina Holderegger Rossier :  Der zurzeit das Centre Dürrenmatt CD bespielende Jean-Christophe Norman dehnt die plastischen Artikulationen so verschiedener Universen wie Literatur, Architektur und Kartografie sachte in Raum und Zeit aus oder wirkt auf deren Zeichen ein. Stets erzeugt er dabei schillernde Fiktions-Realitäts-Geflechte.


Neuchâtel : Jean-Christophe Norman - Die Dinge hängen vom Leben ab


  
links: Jean-Christophe Norman · Mundo di uso, 2013, gedruckter Papier mit Gummierung, 83x142 cm
rechts: Jean-Christophe Norman ·Ulysses, a long way, Biennale von Belleville, Paris, 2014 ©Jean-Christophe Norman


Norman (*1964, Besançon) ist eine einzigartige Figur in der gegenwär­tigen Kunstlandschaft. Sein künstlerisches Terrain entfaltet sich überall dort, wo sich visionäre Worte oder Bilder reinkarnieren und zu frischen Keimlingen einer ­neuen ­Zivilisation werden. Auf der Suche nach elementaren Lebenserfahrungen betätigte er sich zunächst als Sportkletterer, der mit Gleichgesinnten nicht nur die Dächer dieser Welt aufsuchte, sondern auch Drogen konsumierte und sich durch von ähnlichen Erfahrungen genährte Literatur (Kerouac, Ginsberg...) bewegte. Viele Kollegen aus seiner losen Gruppe kamen ums Leben. Ihn selbst bewahrte eine Krankheit wohl vor dem gleichen Schicksal. An das Bett genagelt, wusste er plötzlich, dass er nun als Künstler weiterfahren will, und produzierte noch in dieser misslichen Lage stimmige Arbeiten wie etwa das geduldige Aufschreiben der vergehenden Zeit oder der Schritte, die er wieder an einem Stück tun konnte. In seinem Werk hat Entwicklung wenig Bedeutung, auch wenn es sich seither organisch entfaltet. Was zählt, ist die Intensität, die - anders als im Alpinismus, der selbst kollektiv so etwas wie eine einsame Suche nach sich selbst ist - auch eine stark relationale Qualität hat.
Der Künstler hat das Centre Dürrenmatt ursprünglich kontaktiert, weil er den ­Krimi Dürrenmatts ‹Das Versprechen› auf eine Schweizerkarte projizieren wollte. Berückt von seiner plastischen Annäherung an die Literatur, öffneten ihm die Direktorin Madeleine Betschart und die Kuratorin Duc-Hanh Luong das CD vielmehr für seine erste Einzelschau hierzulande, die bald andere Züge annahm. Einerseits hat Norman die letzten Sätze der Bücher in der Bibliothek Dürrenmatts zu einem dichten Text verarbeitet, den er während der Art Basel 2016 von einem Kameramann verfolgt mit Kreide der Stadt eingeschrieben hat. Andererseits hat er ‹Der Winterkrieg in Tibet› aus Dürrenmatts ‹Stoffe› an die längste Wand im Centre Dürrenmatt geschrieben, so dass das Werk auf einen Blick lebendig wird.
Um diese neuen Werke sind weitere verwandte Projekte mit Texten von Joyce und Proust versammelt, deren räumliche Ausdehnung wie eine Poetisierung der Mnemotechnik von Simonides von Keos wirkt, der die zu erinnernden Worte durch Bilder symbolisiert hat. Es finden sich jedoch auch mit Tinte beschichtete Bücher oder umgekehrt abgeriebene Karten, die an den spirituellen Wert mahnen, den Gebrauchsspuren den Dingen in der asiatischen Ästhetik verleihen.

Bis: 26.02.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Jean-Christophe Norman [02.10.16-26.02.17]
Institutionen Centre Dürrenmatt [Neuchâtel/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Jean-Christophe Norman
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