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Besprechung
1/2.2017


Philipp Spillmann :  Analog und Digital galten lange als robustes Gegensatzpaar. Der Schweizer Künstler Daniel Karrer zeigt in seiner aktuellen Solo-Show in der Kunsthalle Winterthur mit seinen Malereien, wie die Grenzen zwischen den beiden Sphären spielerisch verschwimmen können.


Winterthur : Daniel Karrer - Malerei war niemals analog


  
Daniel Karrer · Hands Dripping Red With Sunrise, 2016, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur, Courtesy Herrmann Germann Contemporary Zürich


Post-Internet-Art heisst die beliebte Formel, mit der Kunst bezeichnet wird, die vom Internet handelt, ohne medial auf das Internet beschränkt zu sein. Oft fällt darunter Kunst, die mit analogen Mitteln Themen des digitalen Diskursmultiversums behandelt. Die Metaphysik dahinter ist bestechend: Das Virtuelle war demgemäss schon immer real. Sein ist also nicht nur Schein, sondern Schein eben auch Sein. Das Internet ist keine künstliche Realität, sondern Teil der Realität. Software ist Hardware - ob man Silizium oder Ölfarbe benutzt, ist auch eine ästhetische Frage. Insofern erhält digitale Ästhetik eine Schlüsselrolle für Post-Internet-Künstler. So auch für Daniel Karrer (*1983), der zurzeit in der Kunsthalle Winterthur zu Gast ist.
Bereits beim Betreten der Ausstellung entführt uns Karrer in die Tiefen seiner mit leuchtendem Grün, Pink, Blau, Grau, Weiss und Schwarz gesättigten Bilderwelt, die das Auge auffordert, sich ihr hinzugeben. An den Wänden hängen Hinterglasmale­reien in verschiedenen Grössen. Zu sehen sind zunächst allerlei Farbflächen. Sie setzen sich aus mehreren, ausgeklügelt verschachtelten Schichten zusammen. Das Auge kommt nicht ganz mit, obwohl die Bilder eher ruhig als hektisch sind. Von Zeit zu Zeit entdeckt es die verschwommenen Überreste einer Landschaft oder eines Objekts. Die Motive findet der Künstler im Internet. Dieses gebraucht er als Bildarchiv, das quasi auf Anfrage Found-Footage bereitstellt. Die «reale» Herkunft der aufgenommenen Motive spielt demnach keine Rolle. Die gemalten Objekte sind nicht als Bilder von Objekten zu lesen, sondern als pure Simulakren: Bildhüllen, deren Zweck nicht darin besteht, etwas abzubilden, sondern das Abbilden selbst vorzuführen.
In Karrers Malereien geht es aber weniger um Wahrnehmungskritik als um formal-ästhetische Belange. Sanfte Verläufe wechseln sich mit lustvollen Pinselstrichen ab, harte Konturen verzahnen sich mit puderweichen Tupfern. Die Farbe wird mal Gegenstand, mal Raum, ihre Optik wirkt stellenweise fast haptisch. Irgendwie scheint alles zu schweben. Ein Video im Nebenraum zeigt virtuelle Fahrten über Karrers Bilder, die in das Suchprogramm Google-Earth geladen wurden und darin eine landschaftsartige Topografie entfalten. Die digitalisierte Farbe erhält materielle Züge, während es in den Malereien gerade umgekehrt verläuft. Die Farbe flirtet mit dem Virtuellen, simuliert das Digitale und demonstriert mit diesem Akt: Malerei war schon immer mehr als nur analog. Wir sehen das einfach erst seit kurzem.

Bis: 29.01.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Daniel Karrer [11.12.16-29.01.17]
Institutionen Kunsthalle Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Daniel Karrer
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