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Besprechung
1/2.2017


Simon Baur :  ‹The Sweet Lemon Ballad› ist der erste Animationsfilm der Malerin Klodin Erb. Letzten Herbst hatte er Premiere im Zürcher Helmhaus. Nun ist er ein weiteres Mal in der Rotwand Gallery zu sehen, flankiert von den Bildern, die zum Making-of beigetragen haben. Eine interessante Konfrontation.


Zürich : Klodin Erb - Wie viel Leben haben Zitronen?


  
Klodin Erb · The Sweet Lemon Ballad, 2016, 13'13'', Videostills, Courtesy Rotwand, Zürich


Eine Prise Manierismus, zwei Teelöffel Surrealismus, eine Messerspitze flämische Malerei und das Ausgepresste einiger Zitronen - das klingt nach süssem Naschwerk und so gar nicht nach Kunst und doch sind es so ziemlich genau die Ingredienzen, aus denen Klodin Erb ihren ersten Animationsfilm ‹The Sweet Lemon Ballad› gebacken hat. Den Anfang macht ein Gemälde, das zwei Zitronen auf einem Tisch zeigt, flankiert von einem Kelchglas und einem Teller im Hintergrund, wie wir es aus klassischen Stillleben kennen. Die Zitrone im Vordergrund verändert langsam ihr Aussehen, rollt vom Tisch, durch verschiedene Räume, wo sie sich mit zahlreichen Bildern konfrontiert sieht. Die Lippen eines Damenporträts bewegen sich, das Gesicht eines Mädchens wird zum Totenkopf, und wie ein Kaktus wächst die gelbe Frucht aus Meret Oppenheims Pelztasse. Rollend irrt sie durchs nächtliche Atelier und mutiert nach zahlreichen Umwegen zum Ego der Künstlerin, wandelt in drei­facher Gestalt durch Robert Zünds ‹Eichwald› und landet schliesslich im urbanen Moloch, wo sie zur Chiffre wird und schonungslos ausgepresst wird.
Es ist eine besondere Geschichte, die uns Klodin Erb und der Filmer Thomas Isler hier vorführen. Es ist eine biografische mit den Mitteln der Malerei. Wir erhalten Einblick in das Denken der Künstlerin, in ihren Umgang mit Farbe und Komposition und ihre Vorlieben und Sehnsüchte. In diesem Sinne ist der Film auch ein filmisches Porträt von Klodin Erb. Doch nicht nur. Wie bei vielen Geschichten und Märchen verbirgt sich dahinter auch eine moralische Botschaft. Anhand malerischer und filmischer Animation werden die potenziellen Absurditäten menschlichen Daseins offenbart. Wenn wir nicht aufpassen, enden wir ausgepresst wie eine Zitrone und farblos im Nichts. In der Ausstellung in der Galerie Rotwand vereinigt Erb die Bilder, die zum Film entstanden sind: Die Zitrone in der Pelztasse, aus der Vagina von Courbets ‹L'Origine du monde› schlüpfend, als kugelförmige Bombe mit Zündschnur oder als Kopf nach Arcimboldo. Wir sehen auch die Ölskizze zum Pinselwald, durch den die Zitrone im Film wandert. Diese Gegenüberstellung von Film und Making-of ist ein kluger Schachzug und bietet einen Mehrwert, da wir die unterschiedlichen Dimensionen ihres Schaffens aus mehreren Perspektiven präsentiert bekommen. Man lässt sich von so viel Sinnlichkeit gerne verzaubern und bemerkt doch erstaunt, dass Zitronen so sauer sind.

Bis: 18.03.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Klodin Erb [03.02.17-18.03.17]
Institutionen Galerie Rotwand [Zürich/Schweiz]
Autor/in Simon Baur
Künstler/in Klodin Erb
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