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Besprechung
1/2.2017


Philipp Spillmann :  Die britische Künstlerin Phyllida Barlow baut rohe, wuchtige Gebilde, die sich nach Skulpturalität sehnen. In der Kunsthalle Zürich verschmilzt die Erfahrung von Raum, Objekt und Institution in einem dichten Gerüstedschungel und einer baustellenartigen Gegenskulptur.


Zürich : Phyllida Barlow - Das Negativ von Skulptur


  
Phyllida Barlow · demo, 2016, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich, 2016. Foto: Annik Wetter


Es ist nicht ganz einfach, etwas zur Ausstellung von Phyllida Barlow (*1944) in der Kunsthalle zu schreiben. Denn gerade das, was man sich von einer Rezension wünscht - die nötige Distanz - wird einem von der Ausstellung systematisch geraubt. Aber alles der Reihe nach: Barlow baut mit Vorliebe raumfüllende Gebilde. Typischerweise sind das gerüstartige, verwinkelte Anordnungen, die sich betont provisorisch geben: Da werden Holzlatten, Schaumstoff, Gips und andere Baumaterialien zusammengezimmert, bemalt oder flüchtig mit Sprühfarbe markiert. Nicht selten dominiert ein zarter Rotstich. Diese Gebilde mäandern zwischen Skulptur, Plastik, Installation und Raumintervention. Das gedankliche Gravitationszentrum bildet für Barlow der Begriff der Skulptur. Das gilt auch für die Ausstellung ‹PhYllida Barlow: demo› in der Kunsthalle Zürich. Eine erste Arbeit erstreckt sich über ein ganzes Geschoss. Es handelt sich um eine Art Gerüstedschungel, in dem sich die Besucher/innen ihren eigenen Weg bahnen müssen. Man befindet sich praktisch an jedem Ort im Raum mitten im Gebilde und findet nirgends einen Punkt, von dem aus es als Ganzes betrachtet werden kann. An den Rändern geht es gewissermassen in den institutionellen Raum selbst über, indem Löcher in die Decke gesägt werden. Skulpturalität wird demnach durch zwei Körperbewegungen aufgerollt: die künstlerischen Eingriffe in den Raum und die davon abgeschälte Bewegungsfreiheit im übrigbleibenden Raum.
Man kann den extrovertierten Lattenwald als Negativ von Skulptur lesen und begriffsstrapazierend über Skulpturalität sinnieren. Man kann sich aber auch auf den Kontrast aus Materialberührungslust und -paranoia fokussieren, der einen buchstäblich auf Schritt und Tritt verfolgt. Das Berührungstabu wird durch die penetrante Ultranahdistanz des Werks fast zum psychischen Aggressor. Bezeichnend dafür ­fungiert das obere Stockwerk als Gegenskulptur. Dort gelangt man durch den Notausgang - die Etage wird zurzeit saniert - in einen hohlen, weissen Raum und kann eine Bühne aus Bauplatten betreten und durch kleine Löcher einen Blick in den Nebenraum werfen. Hier kehrt sich also alles um: Berühren ist erlaubt, schauen enorm erschwert. Interessanterweise vertauschen sich so die Organe: Das Auge wird zu dem, was unten der Körper war: ein beengtes Bewegungsorgan. Das Sehen wird zur Fortbewegung selbst. So thematisiert Barlow nicht nur die Skulptur von der Körpererfahrung her, sondern umgekehrt auch diese anhand der Skulptur.

Bis: 19.02.2017



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Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Phyllida Barlow [29.10.16-19.02.17]
Institutionen Kunsthalle Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Philipp Spillmann
Künstler/in Phyllida Barlow
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