Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
1/2.2017


Stefan Wagner :  ‹Nachten› von Jos Näpflin im Counterspace Zürich ist als Rundgang inszeniert. Er schafft einen ästhetischen Parcours, zwischen Licht und Schatten, Schritt und Verweilen: seit Jahren die erste konzentrierte Einzelausstellung des aus der Innerschweiz stammenden und in Zürich lebenden Künstlers.


Zürich : Jos Näpflin - Kongruenz der Innerlichkeit


  
Jos Näpflin · Nachten, 2016. Foto: Tashi Brauen


Einen Moment stehen bleiben. Einen Moment am Eingang stehen bleiben. Beobachten, wie die Schatten fallen. Auf Spiegelstücke sehen. Jos Näpflin (*1950, Wolfenschiessen) hat sich Robert Walser, den ständigen Aussenseiter und gern gesehenen Gast in der bildenden Kunst, als Freund für seine Einzelausstellung ausgesucht. Er bereitet ihm in ­‹Nachten› keine schwärmerische Bekundung, wie sie in den letzten Jahren bei anderen Kunstschaffenden oder Kuratoren oft zu finden war. Er folgt dem letzten Gang Robert Walsers an seinem Todesort Herisau. Er eignet sich Walser an, schreibt ­seine Texte um. Oft spröde, zurückhaltend. Das folgt durchaus der Logik Walser'scher ­Texte, die eigene Innerlichkeit ästhetisch bewältigt.
Die Werkplatzierungen sind genau dosiert. In gewisser Weise ist das theatralisch, ohne theatralisch zu sein. Ein (letzter) Gang, auf dem zwei Künstler sich mit ihren Gedanken zum Menschsein überlagern. ‹The Last Walk (Footprints)› dient als Zentralpunkt, von dem aus die Energien und Ideen in Raum ausfliessen. Die bereits erwähnten Spiegelstücke sind den Fussabdrücken auf den Polizeifotos nachempfunden, die zu Walsers Leiche im Schnee führen. So erhebt Näpflin die letzten Schritte Walsers ikonografisch, verführt reflektierend zum Schreiten in ein Nirgendwo: der Übergang in eine andere Form des Lebens oder das Nichts.
‹Nachten› ist keine biografische Ausstellung, die einem Walser näherbringen soll. Und sie ist positiv, nicht illustrativ. Ungewissheit trifft eher zu, Zeitpunkt des Denkens. Dann, wenn Sicherheit in ungesichertes Terrain abrutscht und man stolpert. So ist ‹Nach dem Frost› - Wasserspritzer auf einer mit Kunstharz überzogenen Sockelfläche - eine ephemere Vanitas-Darstellung. Das ständige Schreiten wie in ‹Kalte Füsse›, einem Videoloop von einem Gang in frisch gefallenem Schnee. Mal sind die Auftritte prägnanter, mal ist ein Hinken zu erkennen. Formal mag das der Nachvollzug eines Schneespaziergangs sein. Grüblerisch misstraut man solch offensichtlichen Annahmen. Was wäre, wenn Näpflin auch hier auf die Vergänglichkeit abzielt, dass die Spuren zuschneien oder ein plötzlicher Wärmeeinbruch die Eindrücke auflöst? ‹Nachten› richtet den Blick nach dem Innen im Aussen. Das ständige Fortschreiten des Lebens, der unaufhaltsame Gang in die Dunkelheit. Es ist der Übergang, der zählt. Durchaus ein zeitgenössisches Motiv in einer Zeit politischer Veränderungsprozesse, das über die Literatur hinausgeht.

Bis: 28.01.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Jos Näpflin [28.10.16-28.01.17]
Institutionen Counter Space [Zürich/Schweiz]
Autor/in Stefan Wagner
Künstler/in Jos Näpflin
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=161222153558V5N-18
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.