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1/2.2017




Digitale Kunst / Nicolas Maigret - Pirate Cinema


von: Raffael Dörig

  
Nicolas Maigret · Pirate Cinema, 2012-14, Screenshots


Ich schaue mir gerade die hundert beliebtesten Filme der Welt an, und zwar alle gleichzeitig. In schnellem Rhythmus laufen Fragmente von Videos über den Bildschirm, erkennbar grösstenteils als aktuelle Produkte Hollywoods. Nicolas Mai­grets ‹Pirate Cinema› klinkt sich in Echtzeit ein in den Fluss der Datenpakete, die mittels der BitTorrent-Technologie und einer der populärsten Tauschbörsen, The Pirate Bay, getauscht werden. Er beschränkt sich auf die Top-100-Video­dateien von The Pirate Bay, die vermutlich tatsächlich ein guter Indikator dafür sind, was gerade die hundert beliebtesten Filme (und TV-Serien und Pornos) der Welt sind.
Der kaum erträgliche, schnelle Rhythmus von ‹The Pirate Cinema› ist dabei in der technischen Beschaffenheit begründet. Denn der Clou der BitTorrent-Technologie ist, dass Dateien nicht vollständig von einer Quelle runtergeladen, sondern in kleine Teile zerlegt von vielen Usern zu vielen Usern geschickt werden. Die Reihenfolge spielt keine Rolle, die Datei wird am Schluss aus den Einzelteilen wieder zusammengesetzt. Ein User kann also auch Teile einer Datei sofort weitergeben, noch bevor er sie vollständig auf dem Rechner hat. Die zentralen Stellen wie The Pirate Bay werden nur zum Suchen und Verbreiten der Steuerungsdateien benutzt. Maigrets ‹Pirate Cinema› macht die Funktionsweise und die Geografie eines solchen dezentralen, informellen und dabei sehr populären Peer-to-Peer-Netzwerks sichtbar - und seine Verletzlichkeit. Er blendet nämlich auch das Land und die IP-Adresse des Users ein, von dem der Videoschnipsel gerade runtergeladen wird, denn BitTorrent funktioniert nicht anonym. Mittels der IP-Adresse kann ein Computer identifiziert werden - eine der vielen Stellen, an denen wir zu gläsernen digitalen Bürgern werden. Mit dem Einblenden der IP gibt Maigret quasi auch seinen unbewussten Mitstreitern Credits, schliesslich sind sie es, die durch das Teilen der Dateien das Werk des Künstlers mitkonstituieren. Maigret schreibt auf der Projekt-Website aber auch davon, wie dezentrale bzw. Peer-to-Peer-Netzwerke einen Weg in eine gemeinschaftlichere, kooperativere Zukunft des Internets zeigen könnten, das immer stärker von grossen kommerziellen Firmen dominiert wird. Dass die populärste Form der Nutzung solcher Netzwerke zurzeit das Tauschen urheberrechtlich geschützten Materials der Mainstream-Unterhaltungsindustrie ist, sollte uns nicht von dieser Hoffnung abhalten.



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Ausgabe 1/2  2017
Autor/in Raffael Dörig
Künstler/in Nicolas Maigret
Link http://thepiratecinema.com/online
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