Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
1/2.2017




Mendriso : Per Kirkeby


von: Barbara Fässler

  
links: Per Kirkeby · Ohne Titel (Grönland), 2011, Gouache auf Papier, 21x28 cm, Courtesy Bo Bjerggaard Galleri, Kopenhagen
rechts: Per Kirkeby · Ausstellungsansicht Mendrisio Museo d'arte Mendrisio, 2016


Auch wenn Per Kirkeby (*1938, Kopenhagen) schon als Kind wusste, dass er Künstler werden wollte, erwiesen sich sein Geologiestudium und die nachfolgenden Expeditionen in die Arktis nicht als Umweg. Ganz im Gegenteil. Als reisender Forscher notierte er mit seinem Aquarellpinsel in fiebriger Hast auf unzähligen Blättern, als gälte es in Sekundenschnelle das sogleich Vergehende hastig zu fixieren. In diesem fast manischen Festhalten der ständig wechselnden Lichtsituationen, der kalten nördlichen Pastelltöne und deren Verläufe in der überwältigenden Natur drückt sich die wissenschaftliche Neugier des dänischen Künstlers aus. Kirkeby hält in seiner Kunst gegen alle ihn umgebenden konzeptuellen und minimalistischen Strömungen an der Basis der Wahrnehmung in seiner Kunst fest: «Meine Art zu denken ist dieses merkwürdige Malen, deshalb sehe ich manchmal anders. In Momenten absoluter Klarsichtigkeit des Verstands sehe ich ohne Konditionierung.» Er unterscheidet so einen «reinen» Blick, der sich idealerweise unbelastet von einem durch die Kunstgeschichte oder die Wissenschaft beeinflussten Sehen auf auf etwas richtet. Die Schwierigkeit liegt für den Künstler darin, die Realität zu «sehen», anstatt sie zu «denken». Die vielleicht schönsten Papierarbeiten sind die letzten Aquarelle aus Grönland, entstanden 2009-2011 nach mehreren Schlaganfällen, als der Künstler schon fast blind war: schnelle sichere Gesten, intensive Farben, klare Formen und doch verschwommene Konturen. Die Retrospektive im Museum von Mendrisio stellt Kirkeby als Multitalent vor: Geologe, Maler, Bildhauer, Filmemacher, Poet und Kunstkritiker, aber die Hauptaufmerksamkeit gilt der Malerei und der Skulptur. Auch wenn die Papierarbeiten nicht als Vorlagen gedacht sind, sondern als Prozessnotationen, fliessen ihre Formuntersuchungen in die Leinwände der letzten dreissig Jahre ein. In den grossformatigen Ölbildern verarbeitet er sichtbar seine Erfahrungen als Geologe: Die zahlreichen Schichtungen und Lasierungen scheinen den Blick auf die Strukturen unter der Erdoberfläche freizuschaufeln. Oder ist es umgekehrt? Der Geologe trägt ab und analysiert die Zusammensetzung, um die Entstehung der Erdkruste zu verstehen, während der Künstler die Schichten erst übereinanderspachtelt, um die Strukturen sichtbar zu machen, denn, so Kirkeby: «Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht in der Suche nach neuen Landschaften, sondern darin, neue Augen zu gewinnen».

Bis: 29.01.2017


mit Katalog



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 1/2  2017
Ausstellungen Per Kirkeby [02.10.16-29.01.17]
Institutionen Museo d'arte [Mendrisio/Schweiz]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Per Kirkeby
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=161228152734JWR-29
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.