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Fokus
3.2017


 Mit zu Skulpturen und Installationen auswachsenden Zeichnungen erzeugt Franziska Furter Räume, in denen Erlebtes erinnert werden kann. Wie materialisierte Stimmungen erproben ihre Arbeiten verschiedene Aggregatzustände von Gesehenem und Gedachtem. Und fügen dem Fluss der Wahrnehmung mit einem Augenzwinkern neues Treibgut hinzu.


Franziska Furter - Augenwolken, flüssig


von: J. Emil Sennewald

  
links: Corona XI, 2012, Tusche auf Papier, 151x125,5 cm; Liquid Days, 2017, Strohhalme, Draht, variable Dimensionen; Corona lV, 2012,Tusche auf Papier, 151x125,5 cm, Ausstellungsansicht Centre d'Art Contemporain, Yverdon
rechts: Scattered rainbow / enfys, 2014, Tusche auf Papier, 29,7x20 cm, Courtesy Lullin + Ferrari, Zürich


«Öch woiss nöcht, was soll es bedoitön, das Meer ist so tööf das Meer...» - so merkwürdig und so anrührend sang auf dem Röhrenbildschirm meines Kinderfernsehens nur einer: Seelefant. Dem ausgewachsenen See-Elefanten hatte Professor Habakuk Tibatong, wie auch anderen Tieren, darunter dem Urtier «Urmel», das Sprechen, und, auf ausdrücklichen Wunsch, das Singen beigebracht. Fortan sass Seelefant auf einem Felsen und sang traurige Lieder, seelentief. Ein See-Elefant, so berichtet der schwedische Schriftsteller Fredrik Sjöberg, habe ihn «zu immer neuen Besuchen verführt». Nicht auf den Felsen, der aus Pappmaché in die Kindervergangenheit ragt, sondern in das Naturhistorische Museum von Bukarest. Auf diesen Wegen erinnerte ihn Kabelgewirr an die Arbeit von Franziska Furter. Nun erscheint sein Beitrag in der Publikation, die anlässlich ihrer Einzelausstellung ‹Liquid Days› im Centre d'Art Contemporain Yverdon-les-Bains/CACY, publiziert wird. Auch für Sjöberg ist der See-Elefant ein Seele-Fant, wenn er ihn auch eher mit «lustlosem Grunzen im eiskalten Polarwind» als mit melancholischem Gesang verbindet. So fliesst Vergangenes durchs gegenwärtige Erleben wie ein Unterton: mal ein kräftiges Rauschen, mal ein leises Plätschern, manchmal auch nur ein nebliger Hauch.

Aggregatzustände
Franziska Furter bewegt sich zwischen kristallinen, flüssigen und gasförmigen Zuständen des Erinnerns. Beinah schlafwandlerisch. Wach, mit präziser Planung, schafft sie Rahmenbedingungen, in denen sie sich - wie später auch das Publikum - somnambul auf Erinnerungsreise begibt. In diesem Zustand, die Augen geschlossen oder weit offen, den Blick nach innen gerichtet, verflüssigen sich Anhaltspunkte zu fortlaufenden Anreizen, weiter zu gehen. In gewissem Sinn sind ihre Zeichnungen und Objekte Ablenkungsmanöver, bringen den rationalen Blick, der erfassen, verstehen will, auf andere Fährten. Spuren, die mit dem Hinzutreten für jeden als die eigenen konkret werden. 2010 durchquerte ich im Palais de Tokyo einen mit schwarzem Teppichboden ausgelegten Raum. ‹Rime› erzeugte unter meinen Schritten Geräusche, erinnerte an einen vereisten See. Ich dachte daran, ohne je einen betreten zu haben.
So funktioniert der «Genius», wie ihn Giorgio Agamben beschrieben hat: Er hält Verkörperungen individuellen Werdens und kollektiven Seins bereit. Er zeigt, was wird, indem er weckt, was war. In Furters Werk ist er gewachsen, hat sich verändert, trägt die Erinnerung mit. Jetzt könnte ich ‹Rime› mit dem Rascheln des Kunstofffolienmeeres am Seelefanten-Felsen der Augsburger Puppenkiste identifizieren. «Ich wollte die Arbeit hier anders einsetzen», erklärt die Künstlerin, «finde, sie hat viel mit Zeichnung zu tun, obwohl sie sich sehr aufs direkte Erleben bezieht, was ich eigentlich problematisch finde.» Denn es geht nicht ums Spektakel, vielmehr um Rhythmen, poetische Elemente, die eine Balance zwischen Linie und Raum herstellen.

Augen- und Ohrenwinkel
Im CACY zieht am Kopfende des Raums mit ‹Bourdon› ein Liniengeflecht an. «Die Arbeit erinnerte mich an Sound», sagt sie, «darum habe ich sie mit dem französischen Begriff benannt, der Hummel, die aber auch die tiefste Glocke in einem Geläut bedeutet.» Zu sehen ist ein Geflecht aus schwarzen, eng gewickelten Nylonfäden, wie eine vertrocknete Pflanze. Mit jedem Schritt näher auf das wolkige Gebilde zu, kristallisiert sich die Form. Sie wirkt bewegt, unscharf, aufgeladen mit der Erfahrung der Durchquerung des Raums, der Seh-Erwartung. «Investierte Zeit ist sehr wichtig in meiner Arbeit: Ich brauche lange, um etwas zu machen. Nicht im Sinne von Fleiss, sondern hinsichtlich eines Rhythmus zwischen Machen und Warten.» Ein Werden der Zeichnung im Raum, das eine Dauer aufspannt und das Publikum einbezieht. Zeit verbringen oder verstrichene Zeit imaginieren, indem man sich lustvoll verheddert im feinen Gespinst von Vor- und Nachgezeichnetem. ‹From the corner of your eye› heisst eine Arbeit von 2008, die an Tumbleweed erinnert, jenes aus der russischen Steppe in die USA emigrierte Western-Requisit. Furters Kugelgeflechte sind aus Draht und Plastik, sie erreichen poetische Schärfe im Augenwinkel.
Die Zeichnungen im Raum sind bisweilen wie optische Missverständnisse, wie eine visuelle «Lady Mondegreen» (statt «laid him on the green»). Diese Eigenpoetik von Sprache in der Interaktion interessiert Furter: «Was man sieht, ist nicht das, was ist, nicht das eine oder das andere, es ist in jedem Fall viele», erklärt sie. Wie gelingt es, dieses Viele in konzise einzelne Formen zu bringen? Es sei ein Prozess der Neukombination, erklärt sie, verweist auf ihre «Vision clouds». Ähnlich dem irreführend immateriellen Begriff vernetzter Server-Zentren sammle sie Bilder wie Daten. Gehörtes und Gesehenes, «wie ein Poster, an dem ich acht Jahre lang jeden Tag vorbei-ging», aber auch ältere Arbeiten dienen ihr zum Weiterarbeiten. So zeigt sie die seit 2011 entwickelte ‹Rift›, ein Gebilde aus schwarzen Wimpeln an Fäden, in Yverdon neu, «weil es sich mit jedem Raum anders verhält». Wolken sind ephemere Gebilde, können sich zu Tropfen, Flocken, Körnern verdichten und als solche in unsere Welt treten, die dann, glänzend nass, weiss überdeckt oder erschreckend verhagelt, neu erscheint. Am Himmel verdichten sie sich dem zu Bildern, der mit zusammengekniffenen Augen ihre Formen mit Gesehenem abgleicht.
Wetter, dessen verändernde Kraft, spielt eine zentrale Rolle in Furters Arbeiten. ‹Scattered rainbow› von 2014 sind bunte Aquarelle, entstanden durch Marmorieren von Papier mit auf Wasser schwimmender Tinte. Der Drang zum Werden, nicht zum Sein, prägt Furters ganzes Werk. Er kristallisiert auch in ‹Liquid Days›. Die Arbeit, die auch den Ausstellungstitel stellt, hat sie für Yverdon nicht wie für ‹Spell› 2014 in Messing, sondern unter Verwendung der ursprünglich für den Entwurf genutzten Strohhalme raumgreifend umgesetzt. In den Sandstein-Bögen des Gebäudes bilden die fragilen Halme eine wolkige Struktur, die an Darstellungen von Kristallen erinnert. «Ich wollte eine Eigenschaft des Materials aufgreifen», erklärt sie, «die der Struktur etwas Leichtes, Durchsichtiges gibt.» Wie viele ihrer Werke kombiniert sie verschiedene Wertigkeiten, Edelmetall und Kunststoff. Bei ‹Scribble›, aus schwarzen Glasstäben mit dem Bunsenbrenner geformt, sind es Glas und Kritzelgeste. Formal erinnern die räumlichen Kritzeleien an ‹Wire Pieces›, wie sie Richard Tuttle 1972 entwickelte. Greifen seine Zeichnungen durch die Vibration des Drahts in den Raum aus, so versetzen Furters ‹Scribble› den umgebenden Raum in Vibration.

Verflüssigen
Als eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten zehn Jahre benennt die Künstlerin den Weg zum Ungeplanten. «Damals habe ich viel existierende Bilder genutzt, zum Beispiel Mangas gescannt und weiter bearbeitet», sagt sie, «heute gehe ich direkt vom Material aus. Damals half mir die Reduktion zu grösster Genauigkeit, heute schaffe ich sie als Rahmen, in dem sich dann die Elemente frei und unkontrolliert neu fügen können.» Vor diesem Hintergrund könnte man ‹Liquid Days› als Hinweis auf die «Verflüssigung der Sprache» lesen, für die sich Luce Irigaray eingesetzt hat. Ein Einsatz im Kampf um Sprache und Begehren, dem Frauen nur als Objekt, nicht als handelndes Subjekt existieren. Sie sei, erklärt Furter mit ihrer ruhigen, klaren Art, ernsthaft in ihrer Arbeit, aber nicht ernst, könne und wolle nicht festlegen, wohin es geht. Daniele Buetti habe einmal gesagt, Kunst sei keine Attacke, sondern eine Verführung. Damit stimme sie überein: «Ich kann meine Arbeit auch verändern, will nicht etwas Hinklotzen, wie in Marmor gemeisselt.» Das darf nicht als Opportunismus missverstanden werden. Vielmehr als jene Neigung zum Flüssigen, die seit Heraklit als Panta rhei, als «alles fliesst» ins Denken eingegangen ist. «Roni Horn, die ich sehr bewundere, hat gesagt, dass man mit Zeichnung überall hin kann, niemals richtig oder falsch liege, sondern gleichsam in sie einziehe. Sicher, ich muss vertreten, was ich mache, aber das verändert sich eben ständig.» Wie das Wetter, möchte man hinzufügen, wie die Welt.
J. Emil Sennewald ist Kritiker (Prix AICA France 2016), lehrt und forscht in Paris und Clermont-Ferrand.
Er schreibt regelmässig für Kunstbulletin, Kunst und Auktionen, Weltkunst. Emil@weiswald.com



Gespräch mit Franziska Furter und Gilgian Gelzer mit Linda Schädler und J.Emil Sennewald, Villa Bleuer Gespräche, eine Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, Zürich, 28.3., 18.00-19.30

Bis: 02.04.2017


Franziska Furter (*1972, Zürich) lebt in Basel und Berlin

1994-97 Hochschule für Bildende Kunst Basel
1992-94 Kunstgewerbeschule Zürich
2009 Residency Kairo, ProHelvetia
2012 Werkbeitrag, Kuratorium des Kantons Aargau
2015 Residency Tokyo, Atelier Mondial, Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2010 ‹squall lines›, Les Modules, Palais de Tokyo, Paris
2011 ‹stray currents›, Towner, Eastbourne
2013 ‹some echoes, some shadows›, Lichthaus, Arnsberg
2014 ‹turbulences›, Schleicher/Lange, Berlin
2016 ‹Ich taumeltürme›, Lullin + Ferrari, Zürich



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Franziska Furter [28.01.17-02.04.17]
Institutionen Centre d’art contemporain [Yverdon-les-Bains/Schweiz]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Franziska Furter
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