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Fokus
3.2017


 Das Kunstmuseum Solothurn bietet den zunehmend grossformatigen Zeichnungen des in Paris ansässigen Gilgian Gelzer erstmals den nötigen Entfaltungsraum. Zudem stellt die Schau den verdichteten Atelierwerken kühn Schnappschüsse gegenüber und bettet sie durch eine Auswahl von Blättern aus der Sammlung in einen breiteren Kontext.


Gilgian Gelzer - Die Zeichnung ist ein eigenes Wesen


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: O.T., 2014, Bleistift auf Papier, 200x150 cm ©ProLitteris, Courtesy Jean Fournier, Paris. Foto: A.Ricci
rechts: O.T., Farbstift auf Papier, 200x150 cm ©ProLitteris, Court. Galerie Jean Fournier, Paris. Foto: L. Ardhuin


Die Bauarbeiten am kürzlich unter dem Kunstmuseum eröffneten Kulturdepot haben im Verputz des neoklassizistischen Gebäudes überall Risse und Brüche sichtbar gemacht. «Keine Sorge, es geht keine Gefahr davon aus, es kommt bald wieder in Ordnung», beruhigt Christoph Vögele, der Direktor, das Publikum. Derweil ergeben die Öffnungen in ihren rätselhaften, mal krausen, mal scharfen Bewegungen einen sinnfälligen Kontext für die beiden die Zeichnung auslotenden Schauen dieser Saison.
Dringen wir mit einem Stift in die raue Fläche von Papier ein, brechen wir ähnliche, ebenso konkrete wie mentale Räume auf. Wir bewirken durch diesen Akt eine gegenüber dem vorher Dagewesenen optisch und haptisch erkennbare «différance», um mit Derrida zu sprechen. Gerissen betonte der französische Philosoph mit dem lautlos in den Begriff «différence» geglittenen «a» - für «art» - die eminent plastische Qualität solcher Spuren, aus denen er den Anfang alles Forschens und Denkens ableitete. In den mit unseren Händen getätigten Setzungen gerinnen vor unseren Augen notwendige Entladungen von uns inhärenten Kräften zu Zeichen, die wir mittels unserer Erinnerungen als Formen und Bilder aller möglicher Gegenstände und Angelegenheiten wahrnehmen und mit Bedeutung aufladen können.
Das Schaffen von Gilgian Gelzer beginnt und endet jedoch stets im Stadium davor: «Für mich ist es - so oberflächlich dies tönen mag - eine Energie.» Dennoch kommen im Laufe seines Arbeitsprozesses Forschen und Denken wie selbstverständlich dazu, was zu einem Werk führt, das dem Problem der Gestalt tatsächlich mit atemberaubender Sinnenschärfe begegnet. Passend zum «sehr Direkten» seiner Arbeit, hat er sich dabei stets nur der wohl gewöhnlichsten Materialien und Techniken unserer Zeit bedient: Acrylfarbe auf Baumwolle, Bleistift und Farbstift auf Papier, Fotografie mit Pocket Camera oder Mobile Phone.

Zünder von Bildern, Fluchten aus Bildern
Wie ein Phänomenologe steigt er dabei jeweils in sein malerisches und zeichnerisches Schaffen ein: «Ich bringe in ihnen unbestimmte Formen hervor, denen jedoch eine grosse Bestimmtheit eigen ist, da ich die feste Absicht habe, etwas zu erzeugen, das ausserhalb von mir einen Platz einnimmt und vielleicht Neugier erweckt, ohne Absicht, ihm eine genaue Kontur zu verleihen. Unwillkürlich entsteht dabei jedoch eine Kontur, und diese Kontur ist eine Form, eine Figur vor einem Grund, der Anfang eines Bilds. Es ist dieser Kippmoment, der mich interessiert und der stark mit der Frage der Identität wie auch der Identifikation verbunden ist.»
Gelzer folgt nicht der Möglichkeit der Gestaltfindung, wie sie bereits Leonardo vor einer zerklüfteten Mauer bewusst geworden sein soll. Statt Bilder beim Malen und Zeichnen einzufangen, setzt er vielmehr alles daran, sie durch Versetzungen und Umkehrungen zu unterlaufen. Es bleiben deshalb nur potentielle Zünder von Bildern übrig, deren gegenseitige Grenzen und Durchdringungen im Rahmen der Leinwand oder des Papierbogens, ja sogar mit dem davon nicht mehr Erfassten, verschwimmen und denen etwas Bizarres oder auch - so der Künstler - Obszönes zukommt.
In der Fotografie, die Gelzer im Alltag und auf Reisen begleitet, scheint er dagegen gerade darauf zu fokussieren, wie sich durch Linien, Flächen, Muster und Farben im Sichtbaren plastische Konstellationen eröffnen, die aus der Realität in abstrakte Universen führen. Auch sie eröffnen sich phänomenologisch, nämlich in Augenblicken, in denen er durch das spontan Wahrgenommene physisch ein wenig aus dem Gleichgewicht geworfen wird und ins Zweifeln gerät.

Alles und sein Gegenteil
Dass im Solothurner Kunstmuseum besonders auch der sehr physische Aspekt seiner Arbeit spürbar wird, liegt vor allem daran, dass dort neben den Fotografien auch eine Auswahl von Zeichnungen zu sehen ist, in denen er sich in immer grössere Formate wie auch zu freieren und weiteren Gesten vortastet.
Die frühesten, oft noch polychromen Zeichnungen sind dabei den bekannten Gemälden Gelzers noch relativ eng verwandt, auf denen sich unzählige Schichten von Farben in unterschiedlichster Form, Textur und Farbe übereinander legen und ineinander fliessen, so dass schwindelerregende Labyrinthe erzeugt werden, in denen sich alles und sein Gegenteil findet. Die Zeichnungen sind jedoch nur durch unterschiedlichste Geschwindigkeiten und Druckausübungen beim Ziehen und Stossen der Linien sowie deren Wendungen und Kreuzungen entstanden, zwischen denen da und dort ausgemalte Membrane gespannt sind.
Versucht man, sich diese aus dem Gedächtnis nochmals vor Augen zu führen, so sind sie in ihrer Mannigfaltigkeit etwa so schwierig zu vergegenwärtigen wie die Bäume eines Walds, in dem man herumgeirrt ist. Was Jean-Christophe Ammann einst vor den Werken kritisierte - «man kann sich nicht daran erinnern!» - wirkt heute zweifellos als eine Qualität, nämlich dass sie einen weder penetrieren noch okkupieren. Man verliert sich in ihnen jedes Mal wieder - jedes Mal ähnlich, jedes Mal anders.

Anthropomorphes Format
Ab etwa 2010 wuchsen die oft in einem Akt geschöpften Zeichnungen bis auf über zwei mal drei Meter an, und pendelten sich dann auf ein Format von rund 1,90 mal 1,40 Meter ein. «Gibt es in meiner Arbeit viel, das ich schlicht und einfach geschehen lasse, muss ich dafür doch irgendwann einen Rahmen setzen, womit die Frage des Formats auftaucht. Es kommt dabei regelmässig zu Massstabsveränderungen. Dieses Format entspricht mir jedoch, da es von einem Standpunkt aus in Griffweite ist. Es ist wie ein Gegenüber, ein Spiegel oder eine Tür.» In deutlicher Emanzipation von früheren Werkgruppen sowohl der Malerei wie der Zeichnung wiederholt Gelzer in diesem anthropomorphen Format die ersten Gesten, mit denen er auf Augenhöhe auf der linken Seite mit der rechten Hand oder in der Mitte sogar mit beiden Händen zugleich eingestiegen ist, ja er lotet und kostet diese - sie abwechselnd leicht dehnend und straffend - oft richtiggehend aus, bis für ihn durch ihren Cluster eine nicht mehr überbietbare Dichte erreicht ist.

Glieder und Gelenke, Wärme und Kälte
Die Werke innerhalb dieser neuen Serie haben deshalb auch ein individuelleres Auftreten, was nicht zuletzt die eher restriktive Farbgebung unterstreicht. Neben reinen Bleistiftarbeiten sind sie in blauen oder roten Tönen gehalten, die eine bei der Arbeit gefühlte Temperatur zu evozieren scheinen. Eine grosse Bandbreite von Affekten spricht aus den Blättern. Es gibt sehr aggressive Arbeiten mit vielen isolierten Liniengewirren, in denen sich ein nervöses Spiel der Fingerglieder und -gelenke beim Auftreffen auf das Papier spiegelt. In anderen Werken sind aus fliessenden Schlaufen erst allmählich dort Kraftzonen entstanden, wo die Bewegungen der Arme im Stehen und Kauern immer wieder passieren. Die Multiplizierung der Gesten führt jedoch trotz Ähnlichkeit derselben auch bei dieser Werkserie zu einem zwar feineren und sanfteren, aber nicht weniger effizienten Unterlaufen angetönter Formen, Figuren und Bilder.

Ein Kosmopolit in Paris
Biografisch ist dieses Subikonische des Werks Gelzers durchaus als eigenwillige Antwort u.a. auf das durch Derrida auf dem Konzept der «différance» angeregte De- und Rekonstruieren sowie Analysieren der Bildtraditionen zu verstehen. Als der Künstler zum Studium der Malerei an der ENSBA erstmals seine eigenen Zelte im Post-68er Paris aufschlug, waren solche Diskussionen dort gerade endemisch geworden. Sie entsprachen ihm, der stets «das Machen» liebte, ja malen, zeichnen und fotografieren musste, jedoch nicht als Ausgangspunkt und Zielvorstellung.
Gleichzeitig waren für ihn immer noch die Erfahrungen der amerikanischen Kunst sehr lebendig. So war er im Schlepptau von Vater und Stiefvater, beides Schweizer Diplomaten, nach Bern, Bukarest, Berlin, nochmals Bern und Caracas, zuletzt in New York aufgewachsen, wo er sich für Pollock begeisterte, aber auch die Pop Art, den Minimalismus sowie die Anfänge des Post-Minimalismus mitbekam. An diese Bewegung knüpfte sein Werk an, auch wenn er nie mit Latex, Schnüren und Stoffen experimentierte. In seinen Labyrinthen klingt wie in vielen post-minimalistischen Werken noch ein konstruktivistisches Raster an, das durch eindringende Subjektivität aus den Fugen geraten ist. Zudem schob sich in seinen neuesten Arbeiten das Performative ins Zentrum, das seit jeher mit einer verstärkten Aufmerksamkeit für psychische und physische Prozesse verbunden war.

Mit Schweizer Wurzeln
Wurde sein Werk schon früher mit den Tektoniken und Parallelismen von Hodler und den Kritzeleien von Klee verbunden, bietet die von Gelzer mit ausgewählten Zeichnungen aus der Sammlung bestückte Parallelschau jetzt Stoff für weitere ­Vergleiche. Am meisten fällt vielleicht mit dem Saal, den er Aloïse Corbaz und Louis Soutter gewidmet hat, seine Bewunderung für die Art brut auf.
Man erhält jedoch auch den Eindruck, dass seine Fragen und Zweifel aufwerfende Kunst nicht nur etwas mit seiner kulturell und linguistisch reichen Jugend zu tun hat. Sein Werk dockt auch an die subtilen Auslotungen des Sehens und Denkens an, die sich von Giacometti über Thomkins und Raetz bis Rütimann durchziehen und regelmässig mit der relativ grossen Diversität der Schweiz erklärt werden, in der deshalb über die Realität stets dialogisiert werden muss. Durch welche kollektiven oder persönlichen Erfahrungen auch immer der Weg zu einer solchen zivilen Pluralität gefunden worden ist, deren Hegen und Pflegen ist im Moment, da wieder vermehrt von politischen Tribünen her gedröhnt und gepoltert wird, von neuer Aktualität.
Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, lebt mit ihrer Familie am Genfersee. kholderegger@hotmail.com Die Aussagen von Gilgian Gelzer gehen auf ein Ateliergespräch am 8.12.2016 zurück.


Gespräch mit Franziska Furter und Gilgian Gelzer mit Linda Schädler und J.Emil Sennewald, Villa Bleuer Gespräche, eine Kooperation zwischen SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA, Zollikerstrasse 32, Zürich, 28.3., 18.00-19.30

Bis: 23.04.2017


Gilgian Gelzer (*1951, Bern) lebt in Paris

2010-2016 Professor für Zeichnung an der Ecole nationale supérieure des Beaux-Arts de Paris
1987-2009 Professor für Malerei und Zeichnung an der Ecole supérieure d'arts et médias de Caen
1970-1974 Studium der Malerei an der Ecole nationale supérieure des Beaux-Arts de Paris

Einzelausstellungen (Auswahl ab 2005)
2017 ‹Pencilmania›, Kunstmuseum Solothurn; Galerie Jean Fournier, Cabinet des dessins Jean Bonna, Beaux-Arts de Paris, Paris
2015 ‹Walk the line›, Galerie Born, Berlin
2014 ‹D'ici là›, Galerie Jean Fournier, Paris
2013 ‹Editer la peinture II›, ESADHAR, Rouen
2012 ‹Streaming›, Galerie Jean Fournier, Paris
2010 ‹Round the corner›, Kunstraum, Kreuzlingen, 5 à 7 tableaux; Moments artistiques, Paris
2009 ‹Bilder, Zeichnungen, Fotos›, Galerie Bernard Jordan, Zürich
2008 ‹Champs de mines›, Galerie Bernard Jordan, Paris; Espace d'art contemporain Camille Lambert, Juvisy-sur-Orge; Ecole supérieure d'art, Lorient
2007 ‹L'H du Siège›, Valenciennes, Le Ring - Artothèque, Nantes
2004-2006 ‹Face Time›, FRAC Auvergne, Clermont-Ferrand, Musée de l'abbaye Sainte-Croix, Les Sables d'Olonne, Ludwig Museum, Koblenz, Le19, Montbéliard




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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Gilgian Gelzer [14.01.17-23.04.17]
Institutionen Kunstmuseum Solothurn [Solothurn/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Gilgian Gelzer
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