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Fokus
3.2017


 Mit der Eröffnung der documenta 14 im April in Athen wird der Reigen der diesjährigen Grossausstellungen an einem Ort in Europa starten, der sonst nicht auf der gewohnten Reiseroute der inter­nationalen Kunstszene liegt. Eine Journalistin aus Athen berichtet über Erfahrungen, Rückschläge und Hoff­nungen des lokalen Publikums.


documenta 14 - Brief aus Athen: Stimmungslagen vor Ort


von: Mikela Chartoulari

  
links: Torture and Freedom Tour of Athens, 2016, Tour mit drei leitenden Historikern des Archivs für Zeit­geschichte: Kostis Karpozilos, Tasos Sakellaropoulos, Vangelis Karamanolakis
rechts: Kostis Karpozilos erläutert die Geschichte des vormaligen Polizei-Hauptquartiers, Athen, 2016


Das zentrale Athener Viertel ‹Exarchia›, das von populären Medien als unsichere Gegend dargestellt wird, ist auch das Quartier, in dem im Dezember 2008 ein fünfzehnjähriger Jugendlicher von einem Polizisten kaltblütig erschossen wurde. An diesem Ereignis entzündeten sich die ersten grossen sozialen Aufstände im Griechenland des 21. Jahrhunderts, die kurze Zeit später zur generellen Ablehnung des korrupten Status quo anschwollen. In dieser «heissen» Nachbarschaft finden sich der Hauptsitz und die Büros der documenta, die in diesem Jahr über ein Budget von € 34 Millionen verfügt. Entscheidend für die Wahl der griechischen Metropole als Zweitschauplatz der documenta ist angeblich, dass Athen «ein Ort ist, wo die Widersprüche der heutigen Welt, verkörpert durch aufgeladene Gegensätze wie Ost und West, Nord und Süd, aufeinanderprallen und kollidieren».

Die Vorbereitungen verlaufen diskret und niederschwellig, und es ist noch nicht ersichtlich, was schliesslich zu sehen sein wird. Wir wissen nur, dass unter den insgesamt 160 lebenden Künstlern auch 60 griechische in Kassel und Athen teilnehmen werden - nebst 50 historischen Figuren. Seit September 2016 ist nun eine Flut von öffentlichen und halböffentlichen Veranstaltungen und Workshops angelaufen. Diese werden vom documenta-Leiter Adam Szymczyk und seinen Kurator/innen orchestriert, die einen ganzen Flügel der Kunstschule des Polytechnikums in ein Bienenhaus von Aktivitäten verwandelten. Dort modelieren sie die Koordinaten der Schau mit Gesprächen und Performances, Theorie und Aktion, Kritik und Kunst. Zu den entscheidenden Achsen gehören «das Verständnis der Transformation zur Demokratie innerhalb neoliberaler Staaten», «die Einführung einer zeitgenössischen Sprache des Widerstands» und «das Zeichnen einer politischen und poetischen Karte von Europa als Alternative zu derjenigen der europäischen Gemeinschaft».
Das allererste öffentliche Programm war eine Einladung, durch Diskussionen, Performances, Screenings und Workshops den öffentlichen Raum neu zu besetzen und so Teil des «Parlaments von Körpern» (Parliament of Bodies) zu werden. Daraufhin kamen im vergangenen September während zehn Tagen unterschiedliche soziale Gruppierungen in den ‹34 Exercises of Freedom› zusammen. Paul B. Preciado, Kurator der öffentlichen Programme, kommentierte: «Freiheit wird nicht von selbst existieren, es sei denn, wir leben sie». Der erste international bekannte Teilnehmer war der politische Theoretiker, Aktivist und Philosoph Toni Negri, der erste grosse Erfolg ein von führenden griechischen Historiker/innen der jüngeren Generation begleiteter, kollektiver Spaziergang durch die Stadt zu den historischen Orten der Unterdrückung, der Gewalt und des Kampfes um Freiheit während der Militärdiktatur von 1967-74. Das daraus resultierende Buch ‹Lingua Tertii Imperii› wurde gratis verteilt. Einer der beigezogenen Kuratoren, der Franzose Pierre Bal-Blanc, äusserte sich zur Situation vor Ort wie folgt: «Ich entdecke in Athen einen Widerstand zum Konformismus, den ich zutiefst schätze. Es herrscht eine grosse Freiheit im öffentlichen Raum und eine beeindruckende Vitalität. Ich würde nicht so weit gehen, die hier teilweise anzutreffende Anarchie als ideale Situation zu bezeichnen, aber ein öffentlicher Raum, der sterilisiert, sanitarisiert und reguliert ist, entspricht in keiner Weise meinem Geschmack.»

A Parthenon of resistance
Pierre Bal-Blanc ist unter anderem zuständig für zwei ephemere, kollektiv realisierte Projekte, welche die «Unterwelt der oberen Welt» involvieren und als Baumaterial Bücher und Ziegelsteine verwenden - als Verweis auf soziale Auseinandersetzungen. Ein sehr ambitioniertes Vorhaben ist der ‹Parthenon of Books›, der zurzeit ein weit über die Kunstszene hinausreichendes Publikum mobilisiert. Die höchst subversiven Installationen, die in Kassel im Juni errichtet werden, sollen darauf abzielen, die Hegemonie von Europa zu stürzen. Es soll eine Replika des griechischen Akropolis-Tempels werden, ausschliesslich hergestellt aus verbotenen Büchern, verbannten Worten, zensurierten Ideen und Stimmen von verfolgten Schriftsteller/innen. Als Gegenstück soll im April ein der deutschen Revolutionärin Rosa Luxemburg gewidmetes Werk auf dem Avdi-Platz im Athener Arbeiterquartier Metaxourgeio aufgetürmt werden. Akropolis-Tempel und Luxemburg-Denkmal referieren auf Arbeiten von zwei Avantgardekünstlerinnen: der Argentinierin Marta Minujín und der Kroatin Sanya Iveković. Beide kritisieren und reflektieren Biopolitik, Demokratie und Freiheit in unserer westlichen Welt.
Für Bal-Blanc signalisiert der ‹Parthenon of Books›, der ursprünglich von Minujín 1983 als Mahnmal gegen die Diktatur in Lateinamerika geschaffen wurde, «ein Anzeichen für politische Gewalt in Europa» und eine Form von «Erinnerung an Hegemonie an autoritäre Macht, wie sie sich in den Beziehungen zwischen Deutschland und Griechenland oder andernorts manifestiert. Die ausgeschlossenen Texte stehen für die Diskussion unserer Wertmassstäbe und Ideen, die als negativ oder marginal gelten und die weitere Problematik von Ethik und Moral berühren, die durch globale Machtsysteme verfochten werden.»

Beziehungen zum Publikum
Die Mehrheit der Athenerinnen und Athener hat sich mit der Annahme der documenta viel Zeit gelassen, doch dies hat sich nun geändert. Als zeitgenössische Literaturkritikerin und Journalistin, die sich mit Kulturpolitik und kulturellen Strategien befasst, interessierte mich besonders, wann das Grossereignis über die vielen heterogenen Kleingruppen hinweg weitere Publikumskreise erreichen würde. Mir scheint, dass mit der Lancierung der Filmreihe ‹Keimena› ab Mitte Dezember 2016 im zweiten Kanal des öffentlichen griechischen Fernsehens eine positive Resonanz spürbar wurde. Das TV-Programm strahlt bis zum 18.9.2017 jeden Montag um Mitternacht relevante Dokumentarfilme und alternative Fictionfilme aus, die jeweils während einer Woche übers Internet zugänglich bleiben. Auch der Aufruf, verbotene Bücher nach Kassel zu schicken, löste ein positives Echo aus.
Die Beziehungen zwischen der documenta und dem Publikum werden wohl noch verschiedene Stadien durchlaufen. Es ist auf jeden Fall sprechend, dass die bekannten Kunstschaffenden sowie die vorherrschende kulturelle Elite anfänglich erwarteten, als Kollaborateure eingeladen und gefördert zu werden. Doch als klar wurde, dass die documenta nicht als grosse, fassbare internationale Ausstellung operieren würde, ist ihr Interesse geschwunden. Sie weigerten sich zu verstehen, dass die documenta nicht direkt mit dem Kunstmarkt liiert ist, dass sie sich um «Sichtbarkeit für dissidente, heterogene und kleinere Narrative» bemüht, dass es um einen offenen Dialog mit radikaler, zeitgenössischer, politischer und sozialer Theorie geht.

Erste Erfolge im öffentlichen Programm erzielte die Einführung eines historisch solid fundierten, kritisch-theoretischen und künstlerischen Vokabulars. Der lancierte Diskurs über antiautoritäre, anti-kolonialistische, feministische, schwule, AIDS-aktivistische, ökologische und transdisziplinäre Ansätze liefert produktive Irritationen sowohl in den mächtigen Massenmedien der Widerstandspartei wie auch in den Kreisen der ehemals neoliberalen Linken, den heutigen konservativen Intellektuellen. Daraus folgte eine Kontroverse, die in Zeitungsartikeln wie «die Rückkehr der linken Zombies» (‹Kathimerini›, 7.9.2016) oder in der Missbilligung des Zentralen Archäologischen Rats für die geplanten Kunstinstallationen vis à vis der Akropolis und der ‹Schule von Aristoteles› (‹Ta Nea›, 23.9.2016) mündeten - Kontroversen, die vor allem als Vorwand dienten, das soziale Programm der SYRIZA-Partei zu kritisieren. Oder als Herausforderung gegenüber linken Akademikerkreisen in einer Zeit intensiver konfliktreicher Bildungsreformen.
Parallel zu diesen Polemiken versuchten Kritikerinnen und konzeptuelle Künstler eine substanziellere Diskussion zu lancieren. Einige äusserten (anknüpfend an Edward Said's ‹Orientalism›) die Frage, ob die documenta es schaffen könne, einen romantisierenden, das Fremde idealisierenden Blick auf Athen zu vermeiden, und ob die Krise nicht einfach zum Exotikum würde (Athinorama 10.10.2016).

Learning from documenta
‹Learning from Athens› lautet der Arbeitstitel der documenta. Darauf antworten die Panteion Universität und die Athener Kunstschule mit einem zweijährigen anthropologischen, kunst- und medienwissenschaftlichen Rechercheprojekt unter dem Titel ‹Learning from documenta›, das bestimmte Entwicklungen in Griechenland und anderen Ländern ins Auge fasst und zur Diskussion stellt.
Die lingua franca der öffentlichen Aktivitäten ist Englisch. Auch wenn ein Grossteil des lokalen Publikums nicht über fundiertere Englischkenntnisse verfügt, versteht es, was die documenta meint, wenn sie sich hinter die universell gültige Aussage stellt: «Sprache ist nie unschuldig. Sie ist immer Teil eines körperlichen Ringens mit Geschichte.» Dies wurde von Anfang an betont und wurde mit der Standortwahl für die öffentlichen Programme deutlich. Sie werden in den nackten, neutralen, niedrigen Gebäuden stattfinden, in welchen sich während der Militärdiktatur die Polizeikaserne befand und die heute gelegentlich von der Athener Behörde - neben dem grossen, profilierten kulturellen ‹Megaron› - als Kunstzentrum genutzt werden.
Es wäre äusserst wichtig, dass einige kulturelle Statements der diesjährigen documenta in Griechenland zurückbleiben würden. Ideen, die zu einer möglichen Transformation, zu einer unkonventionellen Annäherung an die Welt führen könnten, weg von der finanziellen Normalität in Richtung anderer Werte, die nicht denen einer neoliberalen Ordnung entsprechen. Nicht zuletzt könnte sich Griechenland seiner Rolle als Land zwischen dem globalen Süden und Norden bewusst werden und es könnte sensibilisiert werden, dass Europa nicht nur der Geburtsort der Demokratie, sondern auch der Ort eines verborgenen zeitgenössischen Kolonialismus ist - und dass Künstlerinnen und Künstler durch ihr Schaffen das Bewusstsein der Menschen aufrütteln und so zum Wandel beitragen können. (Originaltext griechisch und englisch)
Mikela Chartoulari, Literaturkritikerin und Kulturjournalistin, Athen. mikela.loximatia@gmail.com



Bis: 16.07.2017


documenta 14, Athen an unterschiedlichen Orten in der Stadt (Dionysiou Aeropagitou Str., Syntagma Platz, Avdi-Platz, Kotzia Platz)



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Ausgabe 3  2017
Autor/in Mikela Chartoulari
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