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Fokus
3.2017


 «Sir, when a man is tired of London, he is tired of life; for there is in London all that life can afford.» Was Samuel Johnson 1777 formulierte, gilt noch heute für meine zweite Heimat. London sagte Nein zum Brexit und harrt der Ungewissheit. Wir Künstler/innen halten uns derweil warm.


Kunstklima - London


von: Monica Ursina Jäger

  
links: South Kiosk London, Peer Session 68; Künstlerinnen Tina Hage und Monica Ursina Jäger, 12.7.16. Foto: Kate Pickering
rechts: Tenderpixel London, Introduction by Borbala Soos to the event series, Spatial Practices and the Urban Commons, 22.4.16


Morgens im Studio: Gasofen aufdrehen oder Tee aufgiessen? Trotz lästiger Dämpfe Ersteres, denn vom Tee muss man raus aus dem kalten Studio zur noch kälteren Toi­lette im Flur. Winter in London sucks! Die restliche Zeit im Jahr gibt es keinen schöneren Ort zum Recherchieren, Arbeiten und Tagträumen. Noch vor einigen Jahren hatten wir alle ein Plätzchen gefunden: in alten Warehouses, Atelierverbünden oder Zwischennutzungen. In der Woodmill im Süden Londons haben wir drei Jahre lang gelebt und gearbeitet, Feste gefeiert, Gärten angelegt und Ausstellungen veranstaltet. Wir hatten ein hauseigenes Kino, eine Bibliothek, auch da keine Heizung, dafür jeden Montag selbst gebackenen Kuchen. Es ging uns gut, bis die Stadt das Gebäude zurückhaben wollte. Heute steht eine schicke Wohnsiedlung dort und die Strasse heisst jetzt Arts Lane. Wir sind weitergezogen, Richtung Osten, manche inzwischen bis ans Meer. Die Künstlercommunity rückt emotional näher zusammen. Fernab von Mega-Galerien und Museums-Giganten entstehen weiterhin kleinere Kunsträume wie Tenderpixel mit seinem engagierten, diskursiven Programm für zeitgenössische Kunst und Politik. Seit dem Abschluss am Goldsmiths College treffen wir uns monatlich zur Peer Session. In immer anderen Ateliers besprechen wir in einer Gruppe von zehn bis zwanzig Personen - als kollektives und kollegiales Korrektiv - Arbeiten der jeweiligen Gastgeberin. Man ist unter sich, das Werk hat einen ersten Auftritt in einem halb-öffentlichen Rahmen. Mit Unterstützung von aussen kann nie gerechnet werden. Viele Künstler/innen ziehen wieder in ihre Heimatländer zurück, weil dort die Subventionen greifbarer sind. Das Arts Council England ist schwierig anzuzapfen. Bei Wettbewerben ist man schnell mal eine/r unter 2000 Bewerber/innen. Organisationen wie Delfina Foundation oder die Contemporary Art Society/CAS helfen aus, Delfina mit einem Residency-Programm, CAS vergibt Werkaufträge und verkauft Kunstwerke kommissionsfrei.
London ist ein Biest, notorisch am Anschlag, verstopft und immer mal wieder fassungslos. Es gibt 1500 Galerien, in meinem Stadtteil leben über 10'000 Künstler/innen. Nicht nur eine, diverse Kunstszenen existieren. Wer den Überblick behalten will, müsste sich dies zum Beruf machen. Mein London ist aber auch klein und warm, offen für alles, und es überrascht mich jeden Tag. Wenn ich zur Vernissage einlade oder auch nur zum Suppenessen, kommen sie immer, meine alten und neuen, treuen Künstlerfreunde.
Monica Ursina Jäger, studierte am Goldsmiths College, lebt in London und Zürich. mjaeger@pobox.com



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Ausgabe 3  2017
Autor/in Monica Ursina Jäger
Link http://www.woodmill.org
Link http://tenderpixel.com
Link http://www.peersessions.com
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