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Fokus
3.2017


 1902 wurde das Parlamentsgebäude im Bundeshaus Bern eingeweiht. 16% der Bausumme konnte der Architekt Hans Wilhelm Auer für «künstlerischen Schmuck» nach seinem Plan verwenden. 2018 wird Annaïk Lou Pitteloud am Ort des Souveräns erstmals ein freies permanentes Kunstwerk einrichten: eine Öffnung zur Welt.


Kunst und Bau - Nie zu spät


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Konsens, 2018, bearbeitetes Metall, Dimension variabel, Visualisierung im Parlamentsgebäude
rechts: Konsens, 2018, bearbeitetes Metall, Dimension variabel, Entwurf


Üppige Allegorien und Ornamentik mit Steinen und Hölzern aus allen Landesgegenden überziehen das Parlamentsgebäude bis heute mit einer Ikonographie, die durchwegs auf die Gründungsmythen, auf die Zeit vor 1848 verweist. Nur der lange Rundgang zu den Besuchertribünen des Nationalratssaals wurde nie geschmückt. Hier, wo das Wahlvolk, der politische Souverän, wo Schulklassen und Tausende von Besucherinnen und Besuchern aus aller Welt durchgehen, um das Ratsgeschehen zu verfolgen, tritt nun erstmals Kunst von heute auf.

Nach einem eingeladenen Wettbewerb wird das Projekt ‹Consensus›, 2018, von Annaïk Lou Pitteloud realisiert. Es besteht aus fünf Inschriften, die unter den fünf eingerahmten Fenstern angebracht werden, mit denen der lange runde Gang rhythmisiert ist. Jeder Titel bezeichnet eine Variante zum Wort «Konsens»: Conciliation, Convention, Compromis, Transaction, Connivence. Diese Begriffe stammen von einer Umfrage unter mehreren Personen, die aus einer Liste von Vorschlägen diejenigen fünf Begriffe wählen durften, mit denen sie «consensus» am besten umschrieben sehen. Jedes Wort wurde auch aufgrund seiner Vieldeutigkeit bestimmt. Alle werden in die vier Landessprachen und ins Englische übersetzt, ergänzt um eine technische Beschreibung, wie sie bei Kunstwerken üblich ist.
Wichtig ist die Verwendung der Schrift ‹Helvetica›, die 1957 von Max Miedinger entworfen wurde und heute als Symbol der Schweizer Typografie gilt. Dieser Font verbindet höchste visuelle Harmonie mit Lesbarkeit, während die Neutralität der Zeichen sie zu einem der meist verwendeten Schriftzüge der Welt macht.

Wichtig ist auch die Materialität der Titel. Die Wahl von Metall verweist einerseits auf die Bedeutung der Schweiz im internationalen Rohstoffhandel, andererseits auf ihre führende Rolle bei der Wiederverwertung von Metallen. Beide Aktivitäten werfen viele Fragen auf. Wie kommt es, dass die Schweiz, die kaum über eigene Rohstoffe verfügt - es sei denn Bildung und Kunst - heute zu einer Drehscheibe für fast 60% des globalen Rohstoffhandels geworden ist? Welche wirtschaftlichen, welche politischen Abhängigkeiten sind daraus entstanden? Hinter der Gesteinspalette des Architekten Auer stand die Suche nach einem verbindenden helvetischen Fundament. Pittelouds Arbeit mit Metallen aus allen Weltteilen fragt nach einer verantwortbaren Rolle der Schweiz in globalen Netzwerken. Die Herkunft der fünf Metalle für die fünf Titel entwirft eine Topografie der geschichtlichen und wirtschaftlichen Verbindungen der Schweiz mit allen fünf Kontinenten: Das Platin stammt aus Südafrika, Eisen aus China, Gold aus Australien, Kupfer aus Chile und Silber aus Polen, während Messing durch Wiederverwertung in der Schweiz gewonnen wird. Das Gewicht der Inschriften ergänzt die Beschreibung, indem die Menge des je zur Verfügung stehenden Metalls durch deren aktuellen Preis auf dem Weltmarkt bestimmt wird, bspw. ‹Kompromiss Compromis Compromesso Cumpromiss Compromise - Helvetica gegossen in Gold aus Australien, 465gr und Messing aus Schweizer Wiederaufbereitung, 5 kg...›. Ein fester Betrag der Wettbewerbssumme steht für den Ankauf aller Metalle zur Verfügung und wird zu gleichen Teilen auf die fünf Schriften verteilt, so dass die Dimensionen jeder Inschrift umgekehrt proportional zum Wert ihres Materials ausfallen werden.
Die sechs Türen, die aus dem Gang auf die Tribünen zum geschlossenen Raum der Verhandlungen im Nationalrat führen, sind heute schon in Metallbuchstaben mit ihrem Ziel überschrieben. «En face, les fenêtres et leurs intitulés leur donnent la réplique; entre intériorité protocolaire et ciel ouvert sur l'infini, comme en écho s'ouvre un espace linguistique où chaque mot vaut son pesant d'or ou d'argent.»

Interview: Welche Form von Kunst passt ins Parlamentsgebäude?
Welche Rolle kann Kunst im aktuellen politischen Diskurs spielen? Diese Frage stellten sich die Jurypräsidentin Christa Markwalder und Annaïk Lou Pitteloud:


Markwalder: Die Schweiz ist eine Kulturnation. Wir haben auf kleinem Raum eine unglaubliche kulturelle Vielfalt. Die Tatsache, dass in diesem Haus seit 1902 keine Kunst mehr eingerichtet wurde, könnte mit der Art zusammenhängen, wie wir Denkmalschutz verstehen: Alles bewahren zu wollen in seinen Ursprüngen, so dass es immer wieder eine Initiative braucht, um etwas Neues zu lancieren und den Raum auch wieder zu öffnen für die zeitgenössische Kunst.

Pitteloud: Wer sich für Politik interessiert, interessiert sich natürlich auch für die Vorgänge in diesem Haus. Kunst an sich ist politisch. Sie tritt immer in einen Zusammenhang. Aber manchmal vergessen sogar die Künstlerinnen und Künstler selbst, dass nicht die Botschaft, sondern die Art, Kunst zu machen, politisch sein sollte. Es ist schwierig, für dieses Haus eine intelligente Form zu finden, eine Form der Kritik, ohne anekdotisch, karikaturistisch oder rein dekorativ zu werden. Aber letztlich verschärft dieses politische Machtzentrum der Schweiz nur die Problematik der Kunst in irgendwelchen Ausstellungskontexten.

Markwalder: Die Schweiz ist eines der am stärksten globalisierten Länder. Wir sind per se weltoffen, aber manchmal im politischen Alltag auch sehr auf uns fokussiert und introvertiert. Ich finde die Symbolik in diesem Kunstwerk mit den fünf Kontinenten, mit den fünf Metallen und der Öffnung der Fenster zur Welt sehr schön, weil die Schweiz nur in diesem Kontext erfolgreich sein kann. Wenn wir abgeschottet leben, werden wir arm und müssen auswandern, wie unsere Vorfahren.

Pitteloud: Ich kann die Schweiz nur mit der Welt verbinden. ‹Konsens› oder ‹Consensus›, der Titel meiner Arbeit, ist der Inbegriff schweizerischer Politik. Zugleich ist er eine Abstraktion. Die anderen Begriffe, die ich in fünf Sprachen einführe, beschreiben die Wege, wie Konsens in der politischen Praxis gefunden wird.

Markwalder: ‹Consensus› ist ein positiv besetzter Begriff. Im politischen Alltag aber ist er eher die Ausnahme. Meistens wird abgestimmt und die Mehrheit gewinnt. (...) Die Schweiz wird in der Welt zu Recht für viele Qualitäten bewundert. Doch wir müssen aufpassen, dass wir nicht selbstgerecht, träge, reformmüde werden, sondern dass wir offen und hungrig bleiben, um das Land weiter zu entwickeln.

Pitteloud: Ich bin froh, dass es möglich ist, ein Moment der Poesie, aber auch der Analyse einzuführen. Offen gestanden war ich ziemlich erstaunt, dass dieses Projekt ausgewählt wurde, weil es auch ein kritisches Element enthält. Nun bin ich gespannt, die Arbeit zu beginnen, und zu sehen, welche Reaktionen sie auslöst.

Auszug aus einem Gespräch am 29.11.2016 in der Galerie des Alpes im Bundeshaus Bern.
Hans Rudolf Reust, Kunstkritiker, Präsident der Kunstkommission Parlamentsgebäude, hreust@blu



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Ausgabe 3  2017
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Annaïk Lou Pitteloud
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