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Ansichten
3.2017


 Fotografien von Amateur- und Lokalfotograf/innen erzählen Geschichte und Geschichten, von Ferienabenteuern, dem ersten Schultag oder sonst einem wichtigen Tag im Leben. Sie prägen die individuelle wie die kollektive Erinnerung und liefern das Bild, mit dem wir uns der Welt zeigen.


Ansichten - Ins Bild gesetzt, aus dem Bild gefallen


  
Julia Zimmermann in der Firma Stoffel in Mels, um 1940, aus: Foto Fetzer, Scheidegger & Spiess, 2015, Seite 124


Für die Publikation ‹Foto Fetzer› recherchierte ich über 600 Bildlegenden, und es war der Reiz dieser Geschichten, der die damit einhergehenden beträchtlichen Mühen belohnte. Da die Fotografenfamilie über fast 150 Jahre und über Generationen hinweg im Studio in Bad Ragaz immer wieder mal aufgeräumt hatte, stammten viele Fotografien aus privaten Alben. Besitzerinnen und Besitzer, Abgebildete oder Nachkommen erzählten mir ihre Bild-Geschichten.
Julia Zimmermann war nicht wohl, als sie für den Fotografen posierte. Sie war erst seit knapp zwei Wochen bei der Firma Stoffel angestellt und noch nicht geübt darin, viele Fadenspindeln zu tragen. Sie fielen ihr immer wieder von der Schulter. Der Stapel ist auch bei dieser Aufnahme schon in prekärer Schieflage. «Ich denke, auf der Fotografie waren ursprünglich mindestens zwei Spindeln mehr drauf, denn die linke Spindel fällt ihr wohl auch gleich herunter...», schrieb mir ihr Sohn. Mit der Leichtfüssigkeit eines engagierten Erzählers überging er Roland Barthes' Diktum von der monströsen Stilllegung der Zeit in der Fotografie und verlieh dem Bild eine paradoxe zeitliche Dimension, die dazu verleitet, den filmischen Faden weiterzuspinnen und alle Spindeln purzeln zu sehen. Wahrscheinlich engagierte die Firma Stoffel den Fotografen, doch wozu ist unklar. Vielleicht für ein Firmenporträt? Wurde die junge Frau wegen ihrer Frische und des natürlichen Lächelns ausgesucht? Oder schoben die dienstälteren Mitarbeiterinnen die unangenehme Aufgabe einfach der Neuen zu? Der Fotograf hat sie offensichtlich sorgfältig ins Bild gesetzt, auch wenn er dabei Gefahr lief, dass Fadenspindeln aus dem Bild verschwanden. Die junge Frau hebt sich kontrastreich vom unscharfen Hintergrund ab, das Garn leuchtet weiss. Zwar verweist ein leichter Schatten auf der Stirn auf die Anstrengung, doch mit dem Stapel auf Arm und Schulter zeigt die Inszenierung vor allem eine kräftige, tätige junge Frau. Die latente Bewegung verleiht dem Bild sogar zusätzliche Dynamik. Die Aufnahme entstand um 1940, zur Zeit des Kriegs, mit dem Ideal der starken Frau, die anpackt. Gut möglich, dass das sympathische Bild Teil einer Firmen- oder regionalen Wirtschaftsstrategie war. Und vielleicht rührte das Unwohlsein von Julia Zimmermann auch daher, dass sie instrumentalisiert und zum Objekt wurde.
Information gibt dem Denken nicht nur eine bestimmte Richtung, sondern stösst Denkprozesse oft erst an. Deshalb schätze ich Bildlegenden und -geschichten. Sie sind wunderbare Gedanken-Sprungbretter.
Eveline Suter ist Kunstwissenschafterin und Kuratorin in Zürich und Luzern, kunsttexte@bluewin.ch



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Ausgabe 3  2017
Autor/in Eveline Suter
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