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Besprechung
3.2017


Fritz Balthaus :  Einzig mit einem grauen Industrieregal, zwei genormten Bronze­keilen und vielen bunten Unterlegplättchen lotet der Künstler die im Ausstellungsraum K25 zusammentreffenden Massgaben und Systemwelten aus. So sparsam seine Eingriffe, so vielfältig und schier unerschöpflich ist der Denkraum, der sich öffnet.


Luzern : David Hepp - mea sure


  
links: David Hepp · mea sure, 2017, Installation. Foto: Stephan Wittmer
rechts: David Hepp · mea sure, 2017, Installation. Foto: Stephan Wittmer


Im Titel hat David Hepp (*1989) dem Wort «measure» einen Wortzwischenraum gegeben, so dass dieses «mea sure» geeignet scheint, unsere Aufmerksamkeit auf das heimliche Motiv aller Messenden zu richten: «ich, sicher!» Unverhoffte Spazien (Abstände) in Texten, aber auch Spaces in Gebäuden können den Blick aufbrechen, wie ein Glasprisma weisses Licht in seine Farben. Ein solcherart aufgebrochener Blick verortet den Ladenraum K25 in die Kellerstrasse 25 und lädt zum vielfältigen «Spazieren» in die Galerie ein: Ein Blick hinter die Kulissen des Ladenlokals verrät, dass der Ort vorher einmal eine Metzgerei mit den typischen Kachelinterieurs war. Momentan werden diese von weissen Wandverkleidungen und grauen Bodenbelägen verborgen, wie man es von Ausstellungsräumen gewohnt ist.
Diese Verkleidung erfüllt aber glücklicherweise noch nicht den Normenstandard eines White-Cube, was dem Künstler sehr entgegenkommt, denn das Genaue braucht das Ungenaue, die Alltagsnorm die Kunstabweichung, um ihre ästhetische Differenz produktiv zu entfalten. Dazu hat der gelernte Holzbildhauer Hepp einen genormten Holzkeil von 180x80x25 mm in Bronze gegossen. Zwei dieser Keile liegen auf dem Boden der Galerie, spielen mit ihrem edlen Material auf die lange Kunstgeschichte plastischen Arbeitens an und halten die Eingangstüren des Kunstraums offen. Eine zweckbefreite «Regalfigur» «kriecht» vom einen in den anderen Raum der Galerie. Dabei hat der Künstler das modulare System und dessen Varianten ausgeschöpft. Die angestrebte Genauigkeit des horizontalen und vertikalen Aufbaus - das Regalobjekt befindet sich im «Wasser» und im «Lot» - wird durch bunte Unterlegplättchen und lasergemessene Bohrpunkte in den Galeriewänden angepeilt und eingemessen. In dieser Situation scheint jede Art von alltäglichem Messen und Massnehmen bereits Interpretation zu sein. Ganz gleich, ob nun mit dem Zollstock, dem Lasergerät oder einer Schreibtastatur Mass genommen wird. Auch ein Text wie dieser wird in Anschlägen und Leertasten gemessen und betritt im Schreiben und Gelesenwerden neu erschlossenen Interpretationsraum. Alle leidenschaftlich Messenden erobern Raum- und Bedeutungsfelder und sichern sie in Skulpturen, Texten und Gebäuden. Das technische «Messen» trifft auf die säkularisierte «Messe» einer Galerieneröffnung. In dieser Zusammenkunft scheinen der Künstler und seine Ausstellungsbesucher sich auch ihrer selbst zu vergewissern: mea sure.

Bis: 04.03.2017



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen David Hepp [04.02.17-04.03.17]
Institutionen K 25 Ausstellungsraum [Luzern/Schweiz]
Autor/in Fritz Balthaus
Künstler/in David Hepp
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