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Besprechung
3.2017


Céline Gaillard :  Im Zentrum der Ausstellung ‹First Light› von Julian Charrière steht eine neue Werkgruppe, die während eines einmonatigen Aufenthalts des Künstlers auf den Marshall-Inseln entstanden ist. Ein eindringliches - und dringendes - Werk zwischen Umweltwissenschaft und Kulturgeschichte.


Zuoz : Julian Charrière - First Light


  
Julian Charrière · Iroojirilik, 2016, Video, 24'', Ausstellungsansichten Galerie Tschudi Zuoz ©ProLitteris


«Six, five, four», «eight, seven», «four, three, two»... Countdowns markieren den Auftakt der Ausstellung im Erdgeschoss. Einer folgt dem anderen, und teilweise ertönen mehrere gleichzeitig. In seiner Soundinstallation ‹On the Edge›, 2016, konfrontiert uns Julian Charrière (*1987, Morges) mit der Gegenwart mehrerer eintretender Ereignisse. Während wir diese Countdowns mit dem aktuellen Weltgeschehen und vielleicht auch mit Ängsten in Verbindung bringen, wird bewusst: Viele sind längst bei der auslösenden Null angelangt; Raketen sind gestartet, der Jahreswechsel hat stattgefunden, Bomben wurden gezündet.
Den letzten November verbrachte Charrière auf dem zu den Marshall-Inseln gehörenden Bikini-Atoll, das im Namen eines Atomtestprogramms der USA zwischen 1946 und 1958 zum Schauplatz verheerender Explosionen wurde. Charrière ist bekannt für seine Feldforschung in entfernten, sich geophysikalisch verändernden Gebieten. Nachdem er 2014 eine Werkreihe der sowjetischen Atomteststätte Semipalatinsk widmete, ist nun im Pazifischen Ozean eine neue Werkgruppe mit Skulpturen, Fotografien und einem Video entstanden. Vordergründig wecken viele der Bilder den Eindruck einer Traumdestination: idyllischer Tropenstrand mit Palmen und romantischem Sonnenuntergang. Die weissen Flecken auf den analogen Farbfotografien allerdings, herbeigeführt durch das Auflegen von verstrahltem Inselsand auf den Negativen, rufen die atomare Zerstörung des Lebensraums ins Bewusstsein.
Auch das Video ‹Iroojirilik› spielt mit vermeintlich romantischen Klischees von Inselbildern und schafft zugleich Assoziationen zum nuklearen, vom Menschen verursachten Licht, der «zweiten Sonne». Mit der Schnittfolge von Sonnenauf- und Untergängen thematisiert es den Zeitlauf einer entfernten Gegenwart. Dazwischen sind über und unter Wasser Trümmer zu sehen: Ruinen von Betonbunkern, mutierte Kokosnüsse, nahezu fischlose Gewässer und auf dem Meeresgrund versunkene Schiffswracks. Im Lauf der Zeit sind sie mit Grünalgen verwachsen. Eindringlich öffnet Charrière die Augen für die unbewältigten Folgen des vor über einem halben Jahrhundert durchgeführten Programms - und dessen Gegenwart in dem bis heute unbewohnbaren Gebiet. Damit schafft der junge Künstler, der im März an der ersten Antarktischen Biennale teilnehmen wird, auch ein dringendes Dokument der postatomaren Ära und ihren eigenen Wachstumsregeln.

Bis: 18.03.2017



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Julian Charrière, Callum Innes [22.12.16-18.03.17]
Institutionen Galerie Tschudi [Zuoz/Schweiz]
Autor/in Céline Gaillard
Künstler/in Julian Charrière
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