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Besprechung
3.2017


Sabine Arlitt :  Theoretisch verwurzelt in den «Subaltern Studies», einer Geschichte «von unten», konfrontieren Baltensperger + Siepert Stigmatisierung mit individuellen Entfaltungsmöglichkeiten. Ihre Werke funktionieren als Realitätskaleidoskope auf der Suche nach Perspektiven für die Zukunft.


Zürich : Baltensperger + Siepert - Invisible Philosophy


  
links: Baltensperger + Siepert · Invisible Philosphy, Peking Atelier, Tag 21, 2015
rechts: Baltensperger + Siepert · Invisible Philosophy, Peking Atelier, Tag 4, 2015


Während ihres Atelieraufenthalts in Peking fiel der Blick von Stefan Baltensperger (*1976) und David Siepert (*1983) auf die Rückseite einer Werbewand. Das Zürcher Künstlerduo wohnte und arbeitete im dritten Stock eines Kunstraums, durch dessen Fenster der Wirrwarr eines hölzernen Gestänges sichtbar war, das sich als Traggerüst für werbewirksame Sehnsuchtsprojektionen zu behaupten hatte. Diese Alltagssituation bietet sich als bildhafte Beschreibung der Vorgehensweise der beiden Künstler an und kann als potenziell variables Denkbild funktionieren, um eingespielte Wahrnehmungsmechanismen dekonstruierend aufzumischen. Auch die Ausstellung in der Binz39 ist als Raumverspannung für gedanklichen Austausch konzipiert, verschiedenste Denkansätze können hier in sinnlich vermittelten Herangehensweisen verhandelt werden. Von zentraler Bedeutung ist das Buch «Invisible Philosophy», es ist gleichsam das Kernstück der gleichnamigen Ausstellung.
Baltensperger + Siepert gehen der Frage nach, wie Arbeitssysteme die persönliche Stellung und Einflussnahme in der Gesellschaft steuern. In Peking machten sie auf Tagelöhner-Märkten Wanderarbeitern und Wanderarbeiterinnen das Angebot, während eines Tags ihre Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen und Gedanken zum Leben niederzuschreiben. Wer sich auf das Künstlerexperiment einliess, erhielt am Abend für seine «philosophische Tätigkeit» den Taglohn, den er an einem normalen Arbeitstag verdient hätte. Das temporäre Peking Atelier wandelte sich zum Schreibort, wo gesellschaftlich untergeordnete Frauen und Männer für einen Tag ihr Schattendasein und ihr ökonomisches Zuordnungskorsett abschütteln konnten, um eine eigene Stimme zu gewinnen. Geld, Fleiss, Ausbildung und Familie sind die vorrangigen Themen der Arbeiter. Die Publikation mit Originaltexten in Englisch und Mandarin sowie reflektierenden, in unterschiedlichen Kontexten sich bewegenden Essays ist nicht einfach ein Buch, sondern der in die Sicht- und Hörbarkeit getragene Ausdruck eines Kunstprojekts, das Perspektivwechsel anregt. «Society is too realistic», formulierte ein Arbeiter. In der Ausstellung schreibt sich der Satz in Neonbuchstaben über dreieinhalb Meter Länge in den Raum, in dem darüber hinaus Textfragmente in dialogischen Konstellationen neue Verbindungen eingehen und neues Bedeutungs- und Handlungspotenzial generieren.

Bis: 25.03.2017


Publikation Amsel Verlag, Zürich



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Baltensperger + Siepert [25.02.17-25.03.17]
Institutionen Binz 39 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Sabine Arlitt
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