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Besprechung
3.2017


Daniele Muscionico :  Die grosse Werkschau von Arnold Odermatt in Zürich birgt eine Überraschung: Der Verkehrspolizist als humorbegabter Künstler fotografierte nicht nur die bekannten ‹Karambolagen›. Er hielt während sechzig Jahren auch sein Familienleben oder die Nidwaldner Dorfchronik mit dem Auge des Beweisführers fest.


Zürich : Arnold Odermatt - Verkehrslage: sonderbar


  
Arnold Odermatt · Stans, 1973, Schwarzweissaufnahme ©ProLitteris, Copyright Urs Odermatt/ Windisch


Die Strassen sind leer, die Autos dösen in ihren Garagen. Die Bevölkerung ist vom Bundesrat aufgerufen, sich aus Gründen der Ölkrise eine andere Fortbewegungsart als die automobile einfallen zu lassen. Autofreier Sonntag! Kann es für ­einen Verkehrspolizisten Ärgerlicheres geben? Nicht für den Beamten Arnold Odermatt (*1925, Oberdorf), der mit seiner Kamera die Beweise der Unfälle und Verbrechen festhalten soll. Nicht für einen leisen Ironiker, der mit seinem Dienstkollegen unterwegs auf gähnend leeren Strassen ist. Er dokumentiert die aktuelle Verkehrslage auf eine Weise, die vieles einschliesst, was sich über sein Werk sagen lässt: Es ist ein Versuch, aus Fakten Fiktion zu schaffen. Spielerisch subversiv und eigenwillig widerständig. Er lässt die Polizei auf Händen gehen - eine kleine Alltagsinszenierung, die auch das grosse Ganze meint. Steht 1973, im Jom-Kippur-Krieg die Welt nicht kopf? Aus der Traum von der totalen Mobilität.
In der Photobastei Zürich sind 161 Bilder aus sechzig Jahren Arbeit zu sehen. Das allein wäre keine Meldung wert - wäre die Überraschung nicht erheblich: Kurator Daniel Blochwitz bricht die vom Kunstkanon vereinnahmten Werkgruppen - ‹Karambolage› vor allem - aber auch ‹In zivil› oder ‹Im Dienst› und ‹Feierabend› auf und auf eine gemeinsame Zeitachse herunter. Ein Lebenswerk ist exakt so zu sehen, wie es der Autor geschaffen hat: Ein Unfallbild folgt einer Kinderfotografie folgt einer Gruppe Militärs, die ihre Karabiner präsentieren. Man steht staunend vor einer Gesamtschau, vor sonst verstreuten Blickwinkeln einer Künstlerpersönlichkeit. Und staunend enthüllt sich ein rundes, abgerundetes Charakter- und Künstlerprofil - es folgte auf allen Betätigungsfeldern einer gemeinsamen Ästhetik. Der als Polizeifotograf durch Harald Szeemann bekannt gewordene Autodidakt hielt sein gesamtes Umfeld mit dem Auge des Protokoll- und Beweisführers fest. Seine Familie ähnlich zentralperspektivisch wie die von exquisiten Standorten fotografieren, von aller Unbill bereinigten Autounfälle; seine eigene Person als Studien- oder Beweisobjekt entsprechend gekühlt und geklärt wie die Vereinskollegen, die er vor seiner Kamera antreten lässt.
Odermatt will Ordnung schaffen. Er suchte sie wohl auch darum, weil er als Ordnungshüter und Mann der Paragrafen die Wirkung von Unordnung kennt. Doch dem ordnenden Auge kann im grossen Unfall, der Leben heisst, eines nicht entgehen: Mindestens so wirkungsmächtig wie ein ordnendes Gesetz ist die Wirkung der Gegenmacht - von Humor.

Bis: 05.03.2017



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Arnold Odermatt [20.01.17-12.03.17]
Institutionen Photobastei 2.0 [Zürich/Schweiz]
Autor/in Daniele Muscionico
Künstler/in Arnold Odermatt
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