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Besprechung
3.2017


Alice Henkes :  In Installationen und Videos untersucht die Genfer Künstlerin Delphine Reist Mechanismen der automatisierten Arbeitswelt in einer globalisierten Welt. In Biel verwandelt sie das Kunsthaus Pasquart in eine metaphorische Fabrik, in der unablässige Aktivität zum Selbstzweck geworden ist.


Biel/Bienne : Delphine Reist


  
Delphine Reist · Carton, 2012, Sockel, Spraydose, Teppich, variable Dimensionen. Foto: André Morin


In einer leeren Industriehalle fallen nach und nach die Leuchtstoffröhren von der Decke, scheinbar ohne jeden ersichtlichen Grund. ‹Averse› heisst die 2007 entstandene Videoarbeit der Genferin Delphine Reist (*1970) - ein Schauer von Glassplittern, der von der Decke herabregnet. Und mit jeder zerschmetternden Leuchtstoffröhre wird es dunkler in der weitläufigen Halle. Am Ende ist das Videobild mehr oder weniger schwarz. Diese buchstäblich düstere Arbeit wird in der von Damian Jurt kuratierten Schau Teil eines thematisch dichten und dezidierten Parcours, der die moderne Arbeitswelt als Ort eines blinden, oft sinnentleerten Aktionismus entlarvt.
Der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell oder der Ökonom Maynard Keynes sahen in der Automatisierung noch eine Chance. Die Menschen würden nur noch vier Stunden am Tag arbeiten müssen, schrieb Russell in den Fünfzigerjahren. Doch die gesellschaftliche Entwicklung hielt sich nicht daran. Das Arbeitsvolumen in den Industrienationen hat nicht abgenommen. Zwar wird die Herstellung - sofern nicht ausgelagert - vielfach von computergesteuerten Maschinen übernommen. Dafür ist die Zahl der Jobs in Verwaltung und Marketing enorm gewachsen. Kritiker wie der US-amerikanische Anthropologe David Graeber zweifeln an der Produktivität dieser Jobs. Reist teilt diese Zweifel an einer Arbeitswelt, in der Geschäftigkeit zum Selbstzweck geworden ist. In ‹Cent fleurs epanouies›, 2009, kreiseln leere Bürostühle um die eigene Achse, dazu schnappen an der Wand hängende Jalousien auf und zu. ‹Réunion›, 2012, variiert die Thematik und zeigt einen grossen Besprechungstisch, um den herum Bürostühle auf fixen Farbbahnen kreisen. Die Botschaft ist deutlich: An diesem Konferenztisch wird dafür gesorgt, dass alles weiterläuft wie bisher. Wenn Reist in ‹Carton›, 2012, Bauschaumdosen zu bizarren Formationen zerschiesst, bekommt die Kritik am blinden Aktionismus eine aggressive Note und wendet sich gegen einen Kapitalismus der sinnlosen Dinge. Manchmal wünschte man sich in den Installationen etwas mehr Subtilität. Angesichts der titelgebenden Leuchtschrift etwa: ‹Mitarbeiter denken positiv›, 2017. Was im Kunsthaus ein wenig platt wirkt, stammt aus dem realen Leben: Das Vorbild für den Motivationsschriftzug hat Reist in einem Zulieferbetrieb eines deutschen Automobilherstellers gefunden.

Bis: 26.03.2017



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Ausgabe 3  2017
Ausstellungen Guillermo Kuitca, Delphine Reist [29.01.17-26.03.17]
Institutionen Kunsthaus Centre d'art Pasquart [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Delphine Reist
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