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Fokus
4.2017


 Wenn Anfang Mai die 57. Biennale von Venedig ihre Tore öffnet, wird der Schweizer Pavillon im Zeichen von Alberto Giacometti stehen, weil dieser dort nie ausstellen wollte. Neben Carol Bove befassen sich Hubbard/Birchler mit dem grossen Schweizer Künstler. In ihrem aufwendigen Filmprojekt verstricken sie sich in die Geschichte einer fast vergessenen ehemaligen Geliebten Giacomettis - und decken dabei Mechanismen der (Kunst-)Geschichtsschreibung auf.


Teresa Hubbard / Alexander Birchler - Subtext der Kunstwelt


von: Deborah Keller

  
links: Links: Alberto Giacometti und Flora Mayo mit der von ihr gefertigten Büste Giacomettis, ca. 1927, anonyme Aufnahme, Courtesy Fotostiftung Schweiz, Winterthur;
rechts: Flora, 2017, Produktionsaufnahmen; oben: die Künstler auf dem Filmset in Berlin. Foto: Hayley Austin


«Ich habe mich immer gefragt, wer der Typ mit dem lockigen Haar ist», habe David gesagt, als er das Foto von seiner Mutter und Alberto Giacometti betrachtete. David hatte das Bild in einer Schuhschachtel in seiner Garage aufbewahrt, zusammen mit anderen Momentaufnahmen einer ihm weitgehend unbekannten Vergangenheit, in der seine Mutter Flora Mayo Mitte der 1920er-Jahre Kunststudentin in Paris und die erste grosse Liebe des berühmten Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti gewesen war. Die Kunstwelt kennt sie heute lediglich als eigentümlich flachen Gipskopf innerhalb des Frühwerks von Giacometti: Das zart kolorierte Bildnis, das er 1926 von ihr geschaffen und mit ‹Tête de femme› betitelt hatte, ist in der vielbeachteten Giacometti-Ausstellung im Kunsthaus Zürich 2016/17 als «besonderer Schatz» präsentiert worden. Darüber hinaus war die Person Flora Mayo bisher kaum von Interesse, zumal sie nach dem Bankrott ihrer gut betuchten amerikanischen Familie 1933 in ihr Heimatland zurückkehren musste und so von der Bildfläche verschwand: Ihr gesamtes Werk hatte sie vor dem Weggang aus Europa vollständig zerstört.
Teresa Hubbard und Alexander Birchler berichteten mir diese Fakten mit viel Empathie bei einem Gespräch in Zürich Anfang Dezember 2016. Seit einem Monat war bekannt, dass das filmende Künstlerpaar neben der skulptural arbeitenden Carol Bove (*1971, Genf) heuer den Schweizer Pavillon in Venedig bespielen würde. Alberto Giacomettis stete Weigerung, an diesem symbolträchtigen, von seinem Bruder Bruno 1952 errichteten Ort auszustellen, bildete den vom Kurator Philipp Kaiser vorgegebenen thematischen Ausgangspunkt für die neu entstehenden Werke, so die Presse­ankündigung. Während Bove sich nun mit dem Spätwerk von Giacometti auseinandergesetzt hat, haben sich Hubbard/Birchler auf Spurensuche begeben, um das Leben der vergessenen Künstlerin Flora Mayo zu skizzieren. Und sind dabei unter anderem auf ihren heute 81-jährigen, unehelichen Sohn David gestossen.

Internationalität im Schweizer Pavillon
Die Bekanntgabe der Künstlerwahl für den nun kurz bevorstehenden grossen Auftritt der Schweiz in Venedig war eine (schöne) Überraschung. Nachdem die letzten zwei Ausgaben von Jungstars der hiesigen Szene bestritten worden waren (Pamela Rosenkranz, 2015, und Valentin Carron, 2013) und zuvor der oft und kontrovers diskutierte Künstler Thomas Hirschhorn seinen eidgenössischen Auftritt erhalten hatte, hat Kaiser nun zwei Positionen gewählt, die wir nicht zuvorderst auf dem Radar hatten. Beim Namen der Wahl-New-Yorkerin Carol Bove blickten viele zunächst gar fragend drein. Die in Genf geborene Amerikanerin ist in den Staaten aufgewachsen und stellte vor allem dort schon häufig aus. Hubbard/Birchler, heute in Austin, Texas, und Berlin beheimatet, sind dem Schweizer Publikum durchaus bekannt, waren sie doch lange in Basel ansässig und ihre stimmungs- und geheimnisvollen Videoloops seit 1993 in zahlreichen Museen und Galerien hierzulande zu sehen. Seit der grossen Präsentation im Aargauer Kunsthaus 2009 haben wir einen umfangreichen Blick auf ihr Werk allerdings vermisst.
Kunstschaffende mit global geprägter Biografie also lässt Kaiser, der selbst schon lange in Los Angeles lebt, im Schweizer Pavillon einziehen. Auch die kuratorisch angeregte «Rahmenhandlung» erzählt von weltläufigem statt nationalstaatlichem Denken: Alberto Giacometti hatte sich stets als transnationalen Künstler verstanden und darum nicht unter dem Siegel der Eidgenossenschaft in Venedig erscheinen wollen. Ist Kaisers Konzept also ein Kommentar zur Idee der Länderpavillons und zur aktuellen weltpolitischen Stimmung? Ja und nein, zumindest war solches nicht des Kurators eigentliche Absicht. Er hatte zunächst die Geschichte des venezianischen Schweizer Pavillons durchforstet, um Dinge und Personen aufzuspüren, die im Lauf der Zeit allenfalls übersehen worden waren. Im Hinterkopf sass der Gedanke fest, «ein Thema zu nehmen, das mit der Schweiz zu tun hat, und dieses zu internationalisieren», so Kaiser. Als er dann bei der Recherche auf Giacomettis kaum bekannte Abwesenheit im Schweizer Pavillon stiess, hatten beide Leitmotive einen gemeinsamen Nenner gefunden. Zur Wahl der Künstler/innen, die diesen Nenner interpretieren sollten, meint Kaiser: «Wir alle sind Variationen von Schweizerinnen und Schweizern, aber das ist letztendlich nicht interessant.» Er entschied sich für Bove, weil sie sich stark mit der Entwicklung der Skulptur Ende des 20. Jahrhunderts befasst und er ihr so eine Affinität für Giacomettis phänomenologische bildhauerische Beobachtungen zutraute. Und Hubbard/Birchler schienen ihm wegen ihres Interesses an Geschichte(n) und deren blinde Flecke die Richtigen für diese Aufgabe zu sein.
Geschichte, vor allem die Historie des Kinos, rückte in den letzten Jahren verstärkt in den Fokus von Hubbard/Birchler. So entstehen feinsinnige, eindrücklich bebilderte Filme, die in der punktuellen Aufarbeitung einer vergangenen Episode auch das Jetzt und die Vorstellung vom Damals mit dokumentieren. Eines dieser Werke, ‹Movie Mountain (Meliès)› von 2011 ist noch bis Mitte April in der Ausstellung ‹Cinema mon amour› im Aargauer Kunsthaus zu sehen.

Von der Fiktion über die Dokumentation zur Doku-Fiktion
Bekannt ist das Künstlerpaar schon länger für seine narrativen, ästhetisch ausgefeilten und höchst atmosphärischen Videos und Fotografien, in denen ein alltägliches Setting zum Schauplatz einer irritierenden oder geheimnisvollen Begebenheit wird: Ein kleines Mädchen isst im strömenden Regen Geburtstagskuchen (‹Eight›, 2001); zwei Frauen im selben Haus begegnen sich zwar nicht, handeln aber quasi gemeinsam, während der Gärtner einen toten Hirsch aus dem Pool zieht (‹House with Pool›, 2004). Charakteristisch für die Werke dieser Art sind nahtlose Übergänge von Innen und Aussen, von Anfang und Ende, ein langsames Tempo und minimale Dialoge sowie ein Spannungsaufbau ohne eigentlichen Kulminationspunkt.
In ihrem Venedig-Projekt verschränken die Künstler nun, wie schon 2014 in der Arbeit ‹Giant›, das Dokumentarische mit dem Fiktiven, oder besser gesagt: mit dem Re-Imaginierten. Referenzpunkt ihres Zweikanalfilms ‹Flora›, der bald in den Giardini zu sehen sein wird, ist eine alte Fotografie. Dabei handelt es sich nicht um jenes Bild, das David in seiner Schuhschachtel aufbewahrt hatte (nebst anderen Schätzen, von denen selbst die weit fortgeschrittene Giacometti-Forschung bisher nichts ahnte). Die Aufnahme, auf die sich Hubbard/Birchler beziehen, ist im Original verschollen, befindet sich aber als Duplikat in der Fotostiftung in Winterthur. Das Bild zeigt Giacometti und Flora, die ein übergrosses, skulpturales Abbild von Albertos Kopf flankieren - ein Werk von ihr. Erstmals war dieses Foto 1985 in der Giacometti-Biografie von James Lord abgedruckt worden. Die Entdeckung, dass die Frau im Bild 2005 dann plötzlich als eine andere Mitstudentin Giacomettis missinterpretiert worden war, hatte Hubbard/Birchler nach monatelanger Recherche zu Flora Mayo erst recht angespornt, ihre Ermittlungen in eine bestimmte Richtung kanalisiert und schliesslich zur konkreten Idee für den Film ‹Flora› geführt - und zu David, den sie in einer kleinen kalifornischen Stadt ausfindig machten und besuchten. Es ist dieser Bekanntschaft zu verdanken, dass für ihn, der mehrheitlich bei einer Pflegefamilie aufgewachsen war, die Pariser Vergangenheit seiner leiblichen Mutter vollständig ans Licht trat.

Subtext der Geschichte(n)
Als ich das Künstlerpaar im Dezember 2016 traf, hatten sie David gerade nach Zürich eingeflogen, um zu filmen, wie der Sohn im Kunsthaus erstmals dem von Giacometti gefertigten Gipsporträt seiner Mutter gegenübersteht. Bei unserer nächsten Unterhaltung Ende Januar war die Postproduktion des Films in vollem Gang. Die Skulptur von Flora, die Hubbard/Birchler anhand einer Fotografie rekonstruieren und nach Venedig bringen wollen, befand sich noch in Arbeit. Das Sitterwerk in St. Gallen und vier Bildhauer waren an dem Unterfangen beteiligt, die Zeit drängte. Zwischen unseren zwei Gesprächen hatten sie in Berlin Floras Atelier anhand von Fotos und brieflichen Schilderungen als Kulisse nachgebildet, um darin eine Vorstellung dessen zu inszenieren, wie es gewesen sein könnte, damals, in Paris...
Erwartet uns im Schweizer Pavillon also eine nostalgische Doku-Fiktion, die von einer verflossenen Liebe, einer gescheiterten Künstlerinnenkarriere und einer schwierigen Mutter-Sohn-Beziehung handelt? Höchstens vordergründig. Im Subtext - dem eigentlichen Haupttext - erzählt Hubbard/Birchlers Film davon, wie Geschichte geschrieben, gedeutet und (re-)konstruiert wird. Er verweist an prominentem Schauplatz auf die Funktionsweisen der Kunstwelt, darauf, wie vielfältig die Faktoren sind, die bestimmen, ob es jemand in den «Klub» schafft oder nicht. Und er zeigt, wie ein Perspektivwechsel ein komplett anderes Bild einer Szene ergeben kann: Da wird der grosse Giacometti plötzlich zu einem namenlosen Lockenkopf und eine kaum bekannte Frau wird zur Hauptfigur einer transnationalen Geschichte.
Deborah Keller ist Kunsthistorikerin in Zürich, tätig bei der Galerie Häusler Contemporary, freie Kunstkritikerin und Kuratorin der Kunsthalle Arbon. deborah.keller.1@gmail.com


Teresa Hubbard (*1965, Dublin) lebt in Austin, Texas und in Berlin
1990-1992 MFA, Nova Scotia College of Art and Design, Halifax
1988 Yale University School of Art, MFA Sculpture Program, New Haven, Connecticut
1987 Skowhegan School of Painting and Sculpture, Skowhegan, Maine
1985-1988 BFA, University of Texas, Austin

Alexander Birchler (*1965, Baden) lebt in Austin, Texas und Berlin
1990-1992 MFA, Nova Scotia College of Art and Design, Halifax
1985 University of Art and Design, Helsinki
1983-1987 Schule für Gestaltung, Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Missing Truffaut›, Sculpture Park at Laguna Gloria, The Contemporary Austin; ‹Single Wide›,
Columbus Museum of Art
2014/15 ‹Sound Speed Marker›, IMMA, Dublin/Ballroom Marfa/Blaffer Art Museum, Houston
2013 ‹Eight, Eighteen›, Linda Pace Foundation, San Antonio
2008/09 ‹No Room to Answer›, Modern Art Museum of Fort Worth/Aargauer Kunsthaus, Aarau/
Württembergischer Kunstverein Stuttgart

Gespräch mit Hubbard/Birchler, ‹Gespräche in der Villa Bleuler›, eine Kooperation von SIK-ISEA und Kunstbulletin, SIK-ISEA/Villa Bleuler, Zollikerstr. 32, Zürich, 22.8., 18.00–19.30 Uhr



Links

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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Carol Bove, Hubbard/Birchler [13.05.17-26.11.17]
Institutionen Padiglione Svizzero [Venezia/Italien]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Hubbard/Birchler
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