Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Fokus
4.2017


 Tarik Hayward war als Mitglied des Kreativtrios Körner Union höchst erfolgreich in der Überführung von Strategien und Energien der Avantgardekunst und der Subkultur in Werbekampa­gnen. Die Armut, die er in seinem seit 2012 entstehenden Werk visualisiert, steht dazu in auffallendem Kontrast. Dank der mit dem Prix du Jury Accrochage 2016 gekoppelten Schau im Musée cantonal des Beaux Arts Lausanne ist aus diesem Werkkomplex jetzt dort ein weiteres Kapitel zu sehen.


Tarik Hayward - Kunst, hier und jetzt und unbedingt


von: Katharina Holderegger Rossier

  
links: Neutral Density, 2016, Glas, Silikon, gebrauchtes mineralisches und organisches Öl, 9 Bilder 1,6x2 m, Ausstellungsansicht Musée cantonal des Beaux-Arts, Lausanne
rechts: Unity Temple, 2014, Betonsäcke, 15x1x3 m, Ausstellungsansicht, Ruinettes, Verbier. Das Werk steht auf der Plattform einer kürzlich stillgelegten und zerstörten Gondelbahn. Angeblich wurden für den Bau der Bahn 30 Tonnen Beton verwendet, obwohl die futuristische Anlage bereits damals veraltet war.


«Ich habe es lange als Kitsch empfunden, ein Künstler sein zu wollen, der autonom lebt und intuitiv arbeitet.» Tarik Hayward gibt sich bei unserem Treffen sofort als erst kürzlich zu einer künstlerischen Existenz bekehrte Figur aus. Obschon nur acht Jahre jünger als ich, erfahre ich den Künstler gleich als einer ganz anderen Generation zugehörig, einer nach der Deregulierung der Finanz- und Devisenmärkte 1975 geborenen, für die von Anfang an selbstverständlich war, dass selbst der radikalste ästhetische und politische Ansatz nicht dagegen gefeit ist, vom in der ersten Welt besiegelten «spirituellen» Kapitalismus aufgesogen zu werden, der sich durch Kommerzialisierung von Haltungen und Erlebnissen auszeichnet.

Drei Punks zwischen Design und Kunst
Das bereits während des Studiums der visuellen Kommunikation an der ECAL 1999 mit den Freunden Guy Meldem (*1980, Apples) und Sami Benhadj (*1977, ­Alger) gegründete radikale Kreativstudio Körner Union ermöglichte es Hayward, sich in diesen neuen, wohl auch erst von seinen Jahrgängen richtig verstandenen Machtkanälen wie ein Fisch im Wasser zu bewegen - mal mit dem Strom, mal dagegen. So warfen sich die drei jungen Männer zwar als interdisziplinär agierende Artistic Directors auf den Markt. Dank des von ihnen weiter gepflegten Lebensstils als Punks in Squats konnten sie aber zugleich immer substanziellere Mittel aus den Einnahmen, die aus Aufträgen von Giganten wie Danone, Ted X und Hermès stammten, in echt subversive und revolutionäre Projekte investieren. Dieses schillernde Leben ist ohne Zweifel mehr als einer latenten Ambivalenz verhaftet. So sieht der amerikanische Aktivist, Kurator und Kritiker Nato Thompson in all diesen in den letzten Jahrzehnten in das kommerzielle System eingespeisten, rotzigen und schrägen Lebensentwürfen nicht weniger als eine Form engagierter Kunst, die künftig den Nährboden für echte Bewusstseinsveränderungen bilden kann.

Katastrophenstimmung
Im letzten unabhängigen Projekt, das Hayward mit der Körner Union 2012 realisierte, manifestierten sich bereits tiefgreifende Ängste vor einem Realitätsverlust. Die Serie ‹Made of Concrete› vermittelte eine Katastrophenstimmung, die in unterschwelliger Form bis in seine heutigen Werke zu spüren ist. Es handelt sich um eine Serie von 20 S/W-Fotografien, auf denen ineinander verkeilte Autos, Schiffe, Bäume und Architekturfragmente zu sehen sind. Die Motive wurden nicht durch einen Tsunami oder Hurrikan so zugerichtet, sondern vom Trio in einem gigantischen Hangar im Wallis vor einem Studiohintergrund entsprechend komponiert.

Generationenwechsel, Szenenwechsel
Ein Grund für die Armut, auf die Haywards Werke nach dieser Materialschlacht fokussieren sollten, war gewiss, dass sich mit den Auswirkungen der Finanzkrise auf allen Ebenen zugleich die Grenzen des Wachstums auftaten. An der 4. Athen-Biennale 2013 beschäftigte sich Hayward explizit damit, indem er mit Gregory Stauffer (*1980, Genf) die dortige Börse sonor und physisch ausmass. Vielleicht noch wichtiger war jedoch eine Koinzidenz im Kreise seiner Nächsten: Der Künstler war kurz zuvor Vater geworden, während sein Vater, der ihn im Alter von acht Jahren adoptiert hatte, in den Ruhestand trat und ihm seine seit sieben Generationen in der Familie weitergereichte Zimmerei überliess. Binnen Kurzem verlegte Hayward das Lausanner Atelier in die Werkstatt im Vallée de Joux und erstand in der Nähe eine Gebäuderuine, die er seither eigenhändig wieder in Stand stellt und noch dieses Jahr mit Frau und Kind zu beziehen hofft.
Die dadurch angeregte Beschäftigung mit traditionellem Bauen und Strategien und Techniken des Do-it-yourself sollte in der Tat seine künstlerische Arbeit auf den Kopf stellen. Statt auf Geistesblitzen begann sie auf Handwerk zu fussen: «Als Artistic Director musste ich immer Probleme analysieren und intelligent darauf reagieren. Meine Lösung beschränkte sich in der Regel auf die Kommunikation oder die Illustration einer Idee. In der Kunst ist dies zu vermeiden. Sie braucht immer etwas Prekäres und Fragiles», ist sich Hayward heute gewiss.

Aktualität und Transzendenz
An der Plattform in Zürich 2012 liess er einen durch eine Betontinktur verstärkten Baumstamm quer durch den Raum laufen, während er an der Schweizer Skulpturenausstellung in Bern 2014 einzig einen rechteckigen Aushub wieder mit der zu Quadern komprimierten Erde füllte. Dass dieses Bauverfahren «Adobe» genannt wird, gleich wie die Softwarefirma des Bildbearbeitungsprogramms ‹Photoshop›, ist dabei vielleicht nicht unerheblich. Die Spuren der repetitiven Gesten des Künstlers wirken in unserer durch das Zeitalter 0.2 konditionierten Wahrnehmung kurioserweise oft zunächst wie die Pixel auf ­einem Bildschirm oder auf einem Ausdruck. Wie stark Haywards Werk indes nicht nur durch die zarten physischen Variationen einer digitalen Formatierung entgegenläuft, ist vor allem bei den diversen Plein-air-Schauen zwischen 2013 und 2015 deutlich geworden. So machte er dort die Kohäsion und die Entropie der von ihm verwendeten Materialien darüber hinaus zu eigentlichen Protagonisten seiner Kunst. Während dieser Zeit war er bspw. auf dem Campus der UNIL in Dorigny mit Monumenten wie Pfeilern aus gestampftem Kompost und Mauern aus mit Mörtel und Papier gefertigten Blöcken präsent, deren Zerfall bereits einsetzte, ehe er mit der langwierigen Arbeit an diesen Installationen fertig war. Und noch extremer waren die Wand aus Fertigbeton in Papiersäcken in Verbier 2014, die durch Wind und Wetter ebenso erodiert wie konsolidiert wurde, und der Würfel aus Holz und Mörtel in Môtier 2015, bei dem ein Feuer einen vergleichbaren Prozess auslöste.
Riefen alle diese Arbeiten eindringlich dazu auf, die Nutzung unserer beschränkten Ressourcen in einen Kreislauf zu verwandeln, ermöglichten sie dem Publikum mit ihren pittoresken Aspekten zugleich besänftigende Träumereien zwischen tiefster Vergangenheit und fernster Zukunft, Chthonischem und Ätherischem.

Die Ruinen der Moderne
Auch zur Installation ‹Neutral Density›, die Hayward nun dank seines an der Accrochage Vaud 2016 prämierten Lehmzylinders im MCBA in Lausanne aufbauen konnte, entwickelt sich eine ähnliche Beziehung, die hier jedoch durch die Abstufungen der glühenden Farbigkeit des Werks noch sublimiert ist. Durch das Zusammengiessen mineralischer und organischer Abfallöle aus Garagen und Restaurants der Umgebung in flache Aquarien hat Hayward neun fast so betörende Gemälde geschaffen, wie wir sie von Malern wie Rothko oder Newman kennen. Von geheimnisvollen Horizonten zwischen den verschieden breiten Farbfeldern in bernsteinfarbenen Tönen lebend, eröffnen sie einen schier grenzenlosen, seelischen Resonanzraum. Auch die Buch­edition, welche Scans von sechzig Ziegeln seines Hauses zeigt, spricht ökologische Fragen an. Hayward hat die Seiten mittels eines frisierten Druckers ausgespuckt, der die Tinte statt aus kleinen Patronen aus riesigen Containern bezieht und den Rest jeweils in diese zurückleitet. Statt monotoner Bilder hat das Buch mit seinen gelb, orange und rot flimmernden Backsteinen vor dunklem, sattem und grün, blau oder lila schimmerndem Hintergrund eine beinahe psychedelische Qualität.

Mehr Sein als Haben
Natürlich hat sich Hayward einer Ruinenbegeisterung verschrieben, die wie das Interesse für alles Diffuse in der Kunst - Non Finito, Sfumato etc. - bereits in der Spätrenaissance erwacht ist und seither vielleicht immer wieder Konjunktur hatte, wenn sich der Mensch durch eine auf das Technische und Quantitative statt das Qualitative gerichtete Gesellschaft bedrängt fühlte. Wie bereits Robert Smithson und Gordon Matta-Clark mit ihren Arbeiten der späten Sechziger- und Siebzigerjahre gezeigt haben, die die Paten der zurückhaltenden, aber zugleich öko-sozio-kulturell umfassend gedachten Arbeiten Haywards sind, steht diese romantische Sehnsucht heute jedoch nicht länger im Gegensatz zu einer aufklärerischen Haltung. Dem Leitspruch - mehr Sein als Haben - gehört sicherlich die Zukunft.
Die Artist's Statements stammen aus einem mit Tarik Hayward am 16. 2. in Lausanne geführten Gespräch.
Katharina Holderegger, ist Kunsthistorikerin und -kritikerin, lebt mit ihrer Familie in Gland VD.
kholder­egger@hotmail.com


‹Neutral Density›, MCBA, Lausanne mit Edition

Tarik Hayward (*1979, Ibiza) lebt in Lausanne und im Vallée de Joux
1999-2003 Bachelor photografie, ECAL
1999-2012 Zusammen mit Guy Meldem und Sami Benjhadj Gründungsmitglied der Körner Union
(4 Swiss Design Awards, Prix du Festival de Cannes/Publicité, Prix Fondation Leenards)
2010-2012 Master arts visuel, ECAL
Seit 2012 freischaffender Künstler
2014 Prix Irène Reymond, Prix Casimir Reymond
2013 Bourse des arts plastiques du canton de Vaud
2016 Prix du Jury Accrochage [Vaud 2016]

Einzelausstellungen
2017 ‹Neutral Density›, MCBA, Lausanne, ‹The Never Ending Honey Moon›, CCS, Paris (mit Sophie Ballmer)
2016 ‹Idle Hands›, La Placette, Lausanne (mit Sophie Ballmer); ‹Birken›, Sonnenstube, Lugano
2015 ‹Béton Toner Service›, Urgent Paradise, Lausanne ; ‹Les décombres de la finitude›, Le cabanon, Lausanne, ‹Work for Idle Hands›, Triennale de sculpture, Lausanne:
2014 ‹Surfaces communes›, Maison de l'architecture, Besançon
2013 ‹Oraibi›, Curtat Tunnel, Lausanne
2012 ‹Made of Concrete›, Actual Size art space, Los Angeles (mit Guy Meldem und Sami Benjhadj)




Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Tarik Hayward [10.02.17-23.04.17]
Institutionen Musée Cantonal des Beaux-Arts Lausanne [Lausanne/Schweiz]
Autor/in Katharina Holderegger Rossier
Künstler/in Tarik Hayward
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170317155735HBS-2
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.