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Fokus
4.2017


 Zum zweiten Mal wird der ‹net based›-Preis für netzbasierte Kunst verliehen. Die Präsentation der Finalist/innen, die Wahl des Publikumspreises und die Prämierung im Basler Haus der elektronischen Künste/HeK sind üppig eingebettet. Interessierte können am ‹Internet-Meme›-Workshop teilnehmen oder durch den ‹Yami-Ichi›-Flohmarkt schlendern.


net based - Von Memes, Bots und Mechanical Turks


von: Claudia Jolles

  
Rosa Menkman (1) · Jonas Lund (2) · James Coupe (3)· Niko Princen (4) · Marc Lee (5) · RYBN.ORG (6) · Aram Bartholl (7) · Evan Roth (8) · Michael Mandiberg (9) · Emilie Brout & Maxime Marion (10)


Highspeed-Trading - Haben Sie schon einmal davon gehört? Nein? Es handelt sich um ein Börsengeschäft von Computer zu Computer, das von Bots (Robotern) betrieben wird, die schneller als Menschen zu reagieren vermögen. Wenn ein Kunde bei einer Bank ein Wertpapier kaufen will, wird die Anfrage einem «Trading Bot» eingegeben, der weltweilt nach dem günstigsten Angebot sucht. Durch die Vernetzung von Angebot und Nachfrage gleichen sich die Preise der globalen Märkte an, wie der Wasserstand in einem verzweigten Röhrensystem, wenn an einer Stelle Wasser rein- und an der anderen abfliesst. Und: Highspeed-Trading ist heute der Normalfall. Über eine Recherche im Internet ist viel darüber zu finden - ebenso vehemente Statements dafür wie dagegen.

Eins der zehn für den ‹net based›-Preis selektionierten Projekte beschäftigt sich mit dieser kontroversen Praxis. Der von einem grosszügigen und diskreten, anonymen Sponsor gestiftete und vom HeK in Basel zusammen mit Kunstbulletin zum zweiten Mal ausgeschriebene Preis für netzbasierte Kunst will den Fokus auf Künstlerinnen und Künstler richten, die das Internet als Inspirationsquelle nutzen, deren Kunst jedoch nicht auf die virtuelle Sphäre beschränkt ist. Aus einer breit lancierten Ausschreibung wählte im Februar eine internationale Jury - darunter Sabine Himmelsbach, Direktorin HeK, sowie Raffael Dörig, Direktor Kunsthaus Langenthal und seit 2015 Netz­kurator für Kunstbulletin - zehn Projekte für die Finalistenrunde aus. Vor oder während der öffentlichen Preisverleihung können die versammelten Gäste daraus den Publikumspreis küren und gleichzeitig durch einen ‹Yami-Ichi›-Internet-Flohmarkt flanieren oder im Workshop ein ‹Internet-Meme› programmieren. Wie bitte?

Wissen teilen
Hier die Erklärungen, die das HeK dazu liefert: Der ‹Yami-Ichi› (Internet Black Market) ist ein offener Flohmarkt, in dessen Rahmen Menschen sich treffen, um «internetartige» Waren oder Dienstleistungen im physischen Raum auszutauschen. Ursprünglich wurde der Internet-Yami-Ichi vom Künstlerduo Exonemo und dessen Kollektiv IDPW** 2012 in Tokyo gegründet und bereiste bereits diverse Städte wie New York, Berlin, Moskau oder Seoul. Anlässlich der ‹net based›-Preisverleihung findet nun erstmals auch ein Internet-‹Yami-Ichi› in der Schweiz statt.
«Share» ist das Zauberwort, das uns den Zugang zum Internet erschliesst, das uns viele Fragen lösen und andere neu stellen lässt. «shareshare» lautet auch das Passwort im Atelier des HeK - und es ist Programm. In den hier stattfindenden Workshops wird Wissen geteilt. Einige analoge Überbleibsel in einem Wandgestell zeugen davon: rudimentäre Zeichenmaschinen aus einem batteriebetriebenen Pappbecher mit Filzstiften, den man über ein Blatt Papier rattern lassen kann, oder giftgrüne ‹Bürsten-Bots› aus abgesägten Zahnbürstenköpfen, die mittels einer Mini-Elektronik vibrierend über die Tischplatte surren. Andere Projekte sind eher virtueller Art. So konnten sich Interessierte in einem Workshop anlässlich der letztjährigen ‹net based›-Preisverleihung über den eigenen Laptop ins Netz einloggen und im Kreis einer zusammengewürfelten Gruppe von Digital Natives - die Jüngste war ca. sieben Jahre alt - und Digital ­Immigrants lernen, wie sich ein animiertes GIF aus mehreren, sich überlagernden, leicht veränderten Einzelbildern über den Bildschirm rollen lässt. Dieses Jahr lädt das HeK dazu ein, ein ‹Meme› zu programmieren. So werden im Internet zirkulierende, visuelle Kurzbotschaften bezeichnet, die «viral» gehen. Das heisst animierte GIFs, Links, Bild-, Ton- oder Videodateien, die sich schnell und unkontrolliert über das Netz verbreiten und einen Internet-Hype auslösen.
Algorithmen, Überlebenstipps und Infrarotbilder
Die technischen Entwicklungen sind rasant - schneller, als sich unsere soziale Realität, die Arbeitswelt, die Medienlandschaften wandeln, und komplexer als das, was wir als Individuum in unserer eigenen Lebenszeit erfassen können. Zur Globalisierung der Wirtschaft gehört auch die umfassende Digitalisierung der Informa­tionskanäle. Die grössten Gewinner sind Firmen, die nichts mehr produzieren, sondern nur noch Menschen und Informationen vernetzen, Google, Facebook, Yahoo etc. Das Internet verändert unsere Gesellschaft, unseren Arbeitsmarkt, die sozialen Gefüge und die Medienlandschaft tiefgreifender als jeder andere Bereich. Umso wichtiger, dass wir uns vor Augen führen, was unter der sichtbaren Oberfläche des WWW passiert: Wie unsere Anfragen und Eingaben in Algorithmen umgewandelt und zu kommerziell verwertbaren Daten werden.

Glücklicherweise sind wir da nicht nur auf Marktforschungsunternehmen angewiesen. Vielmehr nutzt auch eine wachsende Gruppe von Kunstschaffenden das Internet für ihre Recherchen. Dies zeigt sich bei den zehn Finalisten des ‹net based›-Preises. Auf erfrischende und überraschende Weise umkreisen sie die noch wenig bekannten Aspekte des Internets. Dabei decken sie mit ihren Projekten ein breites Feld ab: Das Kollektiv RYBN.ORG greift auf die bereits erwähnten Algorithmen von Trading Bots zurück. Für ‹ADMXI› (Bild 6) programmierten sie rechnerische Algorithmen nach eigensinnigen, esoterischen Vorgaben und speisten diese in ein fiktives Börsengeschäft ein. Im Test erwiesen sich die daraus resultierenden Gewinn- und Verlustkurven ebenso unberechenbar wie diejenigen der realen Aktienmärkte.
‹Keep Alive› (Bild 7) von Aram Bartholl (*1972) bewegt sich zwischen On- und Offline. Er versteckte einen WLAN-Router in einem Granitstein in der Lüneburger Heide. Mittels eines kleinen Feuerchens wird der Router aktiviert, und die hier Rastenden können nun ein PDF mit Überlebenstipps auf ihr Smartphone runterladen. Einen anderen Blick auf die Natur wirft Evan Roth in seinem Projekt ‹Landscape› (Bild 8). Er besuchte und fotografierte Landschaften, in denen Unterwasser-Glasfaserkabel an die Oberfläche stossen. Die merkwürdig verfremdeten Infrarotausdrucke referieren auf die Infrarotfrequenz, über die in den Kabeln Signale transportiert werden. Emilie Brout (*1984) und Maxime Marion (*1982) präsentieren in ‹Cliché› (Bild 10) einen Online-Film aus sich überlagernden Bildern, die bei einer Recherche im Internet zu Stichworten aus dem legendären «Fuck You»-Monolog im Film ‹25th Hour› von Spike Lee aufscheinen.
Gelöschte Daten, komprimierte Bilder, Online-Umfragen
In ‹FDIC Insured› (Bild 9) geht der Künstler Michael Mandiberg (*1977) dem Geist der grossen Finanzkrise nach. Während Jahren durchforstete er das Netz nach bankrotten Banken, die von der amerikanischen Versicherung ‹Federal Deposit Insurance Corporation› aufgelöst und deren Logos und Spuren im Netz getilgt wurden. Die Logos legte er in einem Online-Archiv ab und bedruckte damit bunt gefasste Blindbände sowie Covers von Büchern aus dem wachsenden Bereich der Finanzberatungsliteratur. Mit seinem mehrjährigen Projekt wirft Mandiberg die Frage auf, ob Firmen, die aus dem Netz verschwinden, auch in der Realität nicht mehr existieren.
Rosa Menkman (*1983) liess sich für ‹DCT:Syphoning› (Bild 1) vom Roman ‹Flatland› von Edwin Abott Abott inspirieren. Darauf basierend entwickelte sie ein abstrahiertes, schwarzweisses Bildkompressionsprogramm, das den Fokus der viktorianischen literarischen Vorlage, die sich mit Hierarchien und Dimensionen auseinandersetzte, auf algorithmische Prozesse überträgt. Damit knüpft sie an Abotts Erzählung an und ergänzt diese mit einem weiteren Kapitel.
Mit ‹Fair Warning› (Bild 2) nimmt Jonas Lund (*1984) Online-Umfragen aufs Korn. Mit einfachsten Fragen und Antworten, notiert in kleinen, schwarzweissen Textblöcken, mittig plaziert auf knallbunten monochromen Einzelseiten, navigiert er uns durch einen schier endlosen Fragenstrom. Jedes Weiterklicken löst einen Farbwechsel und ein sanftes Pling aus, und je länger wir in dem vorgegebenen hektischen Tempo von Antwort zu Antwort hetzen, desto klarer wird uns, dass wir hier nichts Erhellendes über uns selbst erfahren, doch kommerziellen Firmen zahlreiche Hinweise zu unseren Vorlieben und Abneigungen liefern.
‹Vlinder› (Bild 4) von Nico Princen (*1979) entlässt einen digitalen Schmetterling ins Netz und schickt ihn jedem, der die App auf seinem Smartphone installiert, irgendwann vorbei. In ‹General Intellect› (Bild 3) weist James Coupe (*1975) in einer Kompilation von kurzen Videos auf das Leben von «Mechanical Turks» hin. Noch nie gehört? Wir lernen diese in den Videos kennen, in denen die schlecht bezahlten ­Arbeitskräfte eine Minute ihres öden Alltags aufzeichnen und beschreiben. Sie sind allesamt Arbeitende, die über Online-Firmen wie Amazon zu Billigstlöhnen vermittelt werden, für eine Tätigkeit auf Zeit, die nicht von Maschinen erledigt werden kann - beispielsweise Bücher, Websiten und Netzwerke auf Gewaltszenen oder pornografische Inhalte absuchen - ohne feste Anstellung und ohne jegliche soziale Absicherung.

Urbane Angleichung
Der Schweizer Marc Lee (*1969) lässt uns in ‹10.000 moving cities - same but different› (Bild 5), einer Virtual-Reality-Installation ausgestattet mit der Datenbrille HTC-Vive, über den Globus surfen und in Städte eintauchen, die über einen Livestream von Bildern aus verschiedenen Social-Media-Plattformen wie Twitter, Flickr und YouTube aus einem von uns ausgewählten Ort an die Wand gezaubert werden. Die projizierten Stadtansichten entstehen in Echtzeit. Das Material aus den sozialen Medien wird auf die immer gleichen, vertikalen Balken gemappt, die auf die zunehmende Globalisierung und das Ähnlicher-Werden unserer Städte verweisen.
Wie sich auch im Trailer zum ‹net based›-Preis und in den Juryberichten zeigt: Die Projekte der zehn Finalisten greifen in ganz unterschiedliche Lebensbereiche hinein. Sie weisen auf Strukturen, Begriffe und Strategien, die für einige Nutzerinnen und Nutzer bereits der «Normalfall» sind, doch von denen andere - Menschen wie Sie und ich - möglicherweise noch keine Ahnung haben.

Preisverleihung: HeK in Basel, am 22.4., 18-20 Uhr
‹Yami-Ichi›, Internet-Flohmarkt, von 12 bis 18 Uhr; ‹Meme›, Internet-Workshop mit Philipp Meier (Dozent ZHdK) und Shusha Niederberger (HeK) von 14 bis 18 Uhr, Kosten CHF 15/red. CHF 10, Anmeldung: vermittlung@hek.ch
Kurzporträts der Finalisten, Jurybegründung, Trailer und Voting für den Publikumspreis:
www.netbased.ch
www.hek.ch
http://yamiichi.hek.ch
www.hek.ch/projekte/net-based-2017


net based
Der Preis für netzbasierte Kunst wurde 2016 von Kunstbulletin und HeK lanciert und will:
- die Aufmerksamkeit auf das Internet als Plattform für künstlerische Aktivitäten lenken
- vom Internet inspirierte Projekte einem breiteren Publikum zugänglich machen
- der Schweizer Netzkunst-Szene zu mehr Sichtbarkeit verhelfen
- den internationalen Austausch fördern

Preissumme: Hauptpreis à CHF 10'000, gestiftet von einem anonymen privaten Sponsor.
Publikumspreis à CHF 500, gestiftet von Magnolia

Einsendungen 2017: 186 Einsendungen aus rund 30 Ländern, darunter 30 Bewerbungen aus Deutschland, 26 aus den USA, 23 aus der Schweiz, 20 aus Grossbritannien, 12 aus Frankreich und viele andere

Jury 2017: Annet Dekker, freie Kuratorin, Amsterdam; Régine Debatty, Gründerin der Netzplattform ‹We Make Money Not Art›; Raffael Dörig, Direktor Kunsthaus Langenthal und Netzkurator Kunstbulletin; Sabine Himmelsbach, Direktorin HeK, Basel, Domenico Quaranta, freier Kurator und Mitbegründer des Link Art Centers, Brescia

Finalisten 2017: Rosa Menkman, Jonas Lund, James Coupe, Niko Princen, Marc Lee, RYBN.ORG, Aram Bartholl, Evan Roth, Michael Mandiberg, Emilie Brout & Maxime Marion

Präsentation der selektionierten Werke: artlog.net by Kunstbulletin



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen net based award 2017 [22.04.17-22.04.17]
Institutionen HeK Haus der elektronischen Künste Basel [Basel/Münchenstein/Schweiz]
Autor/in Claudia Jolles
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