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4.2017


 ‹Sweet Dreams (Are Made Of This)› von der gleichnamigen LP wurde 1982 der erste grosse Hit des britischen Synthpop-Duos Eurythmics. Just Pop? Was, wenn diesem Werk - gemäss Leadsängerin Annie Lennox ein Mantra - eine unvermutete diagnostische Kraft innewohnte?


Ansichten - Hold your head up


  
Eurythmics, Sweet Dreams (Are Made Of This), 1983, 3 min 35 sec, Regie Chris Ashbrook


Der neue Sound war eine Mischung aus Synthesizer, dem eingängigen Rhythmus ­einer Drum Machine und der bluesigen Stimme von Lennox. Ein Jahr später, 1983, erschien das ikonische Video auf dem noch jungen Sender MTV, und der Song toppte auch jenseits des Atlantiks. Das dreieinhalbminütige Video ist verwirrend, hypnotisch: ein abgedunkeltes Sitzungszimmer mit Wandprojektionen von Raketen, der Erde im Weltraum und Business People einer Metropole, darin die Sängerin im Geschäftsanzug, mit stechendem Blick und signalorangem Kurzhaar; neben ihr der CEO einer ungenannten Korporation (David Stewart), der die «lyrics» beziehungsweise die Parolen seines Gender-bending Bosses in einen Computer tippt: «Some of them want to use you / Some of them want to get used by you / Some of them want to abuse you / Some of them want to be abused...»; dann anti-idyllische Szenen auf dem Land sowie eine traumartig-spektrale Boot-Sequenz bei Nacht und Nebel. Die Szenen sind verschachtelt: Die Kamera zoomt immer wieder an Details heran, die neue Ansichten eröffnen; die Mise en Abyme‚ bei der Bilder sich selbst enthalten, verstärkt den ominösen Bildersog.
Als der Spätkapitalismus sich in den Neunzigerjahren als zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft auch in Europa manifestierte und die verheerenden ­politischen Wirkungen konservativer Regierungen der Achtzigerjahre à la Thatcher und Reagan deutlicher hervortraten, wurde es möglich, in den «süssen Träumen» mehr als reine Unterhaltung zu entdecken. Aus dem surrealistischen Kaleidoskop wurde eine Chiffre der fragmentierten, schizoiden westlichen Gesellschaft. Es war, als malte ‹Sweet Dreams› eine neue politische Herrschaftsform aus, bei der die Massenmedien menschliche Triebe und Wünsche auf neue Weise instrumentalisierten. Foucaults «pastorale Gewalt» war ein theoretischer Schlüssel für ein subtileres Verständnis von Herrschaft, die nicht auf Unterdrückung, sondern auf verschleierter Verhaltenssteuerung fusste. Pop und kritische Philosophie reichten sich die Hand. Der süsse Traum stellte sich als neoliberalistischer Albtraum heraus - der sich allerdings, wie wir heute sehen, nicht so schnell verflüchtigte. Vielleicht spielt deshalb im Video die Metaphorik des Blicks eine so bedeutsame Rolle: Lennox schlägt in ­einer Szene zwar die Augen auf, doch von Erwachen kann keine Rede sein. All lost? Vielleicht doch nicht: Immerhin spricht Hoffnung, gedämpft und beharrlich, aus dem insistierenden Refrain: «Hold your head up / Keep your head up / movin' on...»



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Ausgabe 4  2017
Autor/in Daniel Kurjakovic
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