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Fokus
4.2017


 Im Rahmen der Reihe ‹Situations› des Fotomuseums Winterthur realisierte Rudolph Jula den Foto-Essay ‹Vanishing Syria› - basierend auf Reiseerinnerungen und Begegnungen mit gestrandeten Syrern in Europa. Goran Galić, der mit Gian-Reto Gredig in eigenen Projekten oft die dokumentarische und mediale ­Berichterstattung thematisiert, befragte ihn dazu.


Rudolph Jula - Die Krise als Zeichen eines Epochenwandels


von: Goran Galic

  
Vanishing Syria (Rütli), Online-Foto-Essay vom 5.12.2015 bis 31.1.2016 in 6 Kapiteln und fortlaufendes Ausstellungsprojekt, Courtesy Fotomuseum Winterthur


Galić: Deine Arbeit ‹Vanishing Syria› entstand 2015/16 in einem Zeitraum, in dem sich auch die sogenannte Flüchtlingskrise abgespielt hat. Kannst du uns den Entstehungsprozess deiner Arbeit schildern?

Jula: Für mich war das Land eine Liebe auf den ersten Blick, ab dem Moment, an dem ich zum ersten Mal die syrische Grenze überquerte. Deshalb beginnt die Arbeit mit einem Kapitel, das der Erinnerung gewidmet ist. Danach wird es eine Geschichte des Verschwindens, des Verlusts. Ich kam an der syrischen Grenze genau in dem Moment an, als in Deutschland die Grenze für Flüchtlinge geöffnet wurde. Mein Weg hat sich ohne Absicht mit den Ereignissen gekreuzt, die man «Flüchtlingskrise» nennt, obwohl es richtiger wäre, nur von einer Krise zu sprechen, da sie so viele verschiedene Aspekte hat.

Galić: ‹Vanishing Syria› ist eine umfangreiche Arbeit, die aus Fotografien, Videos und Texten aus deiner Hand sowie aus Bild- und Textmaterial aus anderen Quellen besteht. Wie bist du zu diesem breit gefächerten Ansatz gekommen?

Jula: Die Arbeit entstand für eine Internetplattform des Fotomuseums Winterthur. Das multimediale Zusammenspiel verschiedener Formen ist ja die eigentliche Form des Internets. Ich bin auch Schriftsteller und Filmemacher und diese Arbeit bot die Möglichkeit, verschiedene Ausdrucksweisen zusammenzuführen. Fotografie ist für mich etwas wie ein Stift, mit dem man Eindrücke notiert. Die unterschiedlichen Elemente sind Teil eines Narrativs. Mich interessiert in erster Linie die Erzählung. Der Umfang war nicht von Anfang an so vorgesehen. Aber die Ereignisse um mich herum bekamen plötzlich eine historische Dimension, ich sah sie als Zeichen eines Epochenwechsels und dieser Entwicklung wollte ich Platz einräumen.

Galić: Durch die Durchmischung unterschiedlicher Formen - wie Youtube-Videos, Newsbeiträge, Zitate von Politikern oder Dichtern und deine eigene Stimme - wirkt die Erzählung manchmal etwas uneben. Auch der Abstand, den du als Erzähler zu den Porträtierten einnimmst, fällt unterschiedlich aus. Mal ist man auf der sprachlichen Ebene näher an den Menschen dran, mal spürt man Distanz.

Jula: Mir war in erster Linie die Stringenz der Struktur wichtig. Sie folgt einer erzählerischen Dramaturgie. Es gibt eine Handlungsebene, die meinen Blick als Erzähler auf die Aussenwelt zeigt, und es gibt eine reflexive Gedankenebene. Im Film würde man es Off-Stimme nennen, in der Literatur innerer Monolog. Bei ‹Vanishing Syria› war die strukturelle Klarheit wichtiger als die Einheit der Form. Es ist ein Essay, es ging mir um das Ausloten, Vortasten, Abschweifen und Zurückkommen. Das darf sich auch formal spiegeln. Zudem war die Nähe zu den Personen auch real nicht immer gleich.
Die Verlinkungen mit Drittmaterial geben einen Einblick in die Welt der Syrer. Musik­videos, die zu ihrem kulturellen Gedächtnis gehören, Clips aus ihren Smartphones. Die Smartphones haben dabei einen symbolischen Wert, denn sie haben die Menschen nicht nur auf ihrem Weg begleitet. Erst die neue Technologie hat diese grosse Flucht- und Migrationsbewegung überhaupt ermöglicht und ins Rollen gebracht. Es ist in einem gewissen Sinn die erste digitale Völkerwanderung.

Galić: Neue Technologien wie Smartphone und Internet eröffnen den Beteiligten neben neuen Formen von gemeinschaftlicher Organisation auch die Chance grös­serer Mitbestimmung über das eigene, medial vermittelte Bild.
Jula: Alle Porträtierten wussten, dass die Arbeit online gestellt wird, und damit war jedem klar, dass ein Teil der Privatsphäre öffentlich wird. Von Mitbestimmung würde ich nicht sprechen, denn letztlich schafft ja der Autor den Kontext und damit die «Bedeutung» eines Bildes. Es war eine Vertrauensfrage.

Der Rütlischwur auf Arabisch
Galić: Im Kapitel «Schnee» begibst du dich mit einigen jungen Syrern auf das Rütli, eine Bergwiese am Urnersee, wo der Legende nach das Bündnis der drei Schweizer Urkantone geschlossen wurde. Dort filmst du drei von ihnen, wie sie den Rütlischwur auf Arabisch ablegen. Wie kam es zu dieser «Kollaboration»?

Jula: Vertrauen schafft auch die Möglichkeit eines Zusammen-Spielens. Ich habe den Beteiligten erklärt, dass im Wortsinn jeder, der den Schwur ablegt, ein «Eid-Genosse» ist, auch ein Araber. Das hat ihnen gefallen, und sie haben begriffen, dass es ein - auch ironisches - Spiel mit Bedeutungen ist.
Der inszenatorische Eingriff ist in dieser Szene offensichtlich, auf der Reflexionsebene geht es dann aber darum, dass Syrer die neue Wirklichkeit noch nicht «lesen» können. Sie kennen Schiller nicht, doch die Hauptmotive des Mythos - Tyrannei und Freiheitswunsch - ist durch ihre Biografie gegenwärtig. In diese Reflexionsebene spazieren nun sozusagen ein paar Syrer hinein - aus dem Nichts, sie erscheinen einfach. Als Erzähler stelle ich mir sozusagen vor, wie Syrer den Rütlischwur sprechen. Die Doppelbödigkeit entsteht, weil in Bildern, die eigentlich für eine Imagination stehen, der echte Schauplatz und reale Syrer zu sehen sind.

Galić: Mir ist aufgefallen, dass es keine Statements von Einzelpersonen gibt.

Jula:
Dies habe ich bewusst vermieden. Einzelne zu «personalisieren» und als Identifikationsfiguren herauszustellen, gehört zur journalistischen Herangehensweise einer Reportage. Mir ging es darum, einen reflektierten Eindruck der Befindlichkeit der Menschen zu vermitteln, ein Stimmungsbild, repräsentativ für viele. Und es ging natürlich auch darum, einen Schutzraum zu geben. Direkte Aussagen hätten immer auch einen politischen Stellenwert gehabt.

Galić: Im Vergleich zu den oft emotionsgeladenen Bildern im Rahmen der Berichterstattung über Syrien und Menschen auf der Flucht wirken deine Aufnahmen eher beiläufig und nüchtern.

Jula: Emotionsgeladene Bilder wollte ich vermeiden. Sie dienen den Medien, um eine Story zu verkaufen und ein Bedürfnis nach moralischer Selbstbestätigung zu bedienen: Hier weinende Flüchtlinge, da wir als edle Helfer. Viele Syrer, die ich traf, empfanden das Bild, das die Medien von ihnen vermittelten, als befremdlich und übergestülpt. Eine Fremdidentität als «Opfer» und als «Flüchtling». Da war mein Blick anders. Ich sah sie einfach als Syrer und sie haben diese Identität nicht verloren, weil sie geflohen sind. Das deckte sich mit ihrer Eigenwahrnehmung. «Nüchtern» bedeutet, Menschen zu porträtieren, ohne dabei das Wort «Flüchtlinge» im Kopf zu haben.

Galić: Worin besteht für dich der wesentliche Unterschied zwischen deiner essayistischen Annäherung und einer journalistischen Vorgehensweise?

Jula: Im Unterschied zu einer Reportage musste ich bei meiner Arbeit kein vordefiniertes Ergebnis liefern. Ich bin für die Arbeit rund 3000 Kilometer auf dem Landweg gereist. Dergleichen ist nicht planbar, man kann sich nur suchend vorwärtsbewegen. Der wichtigste Unterschied zu einer medialen Berichterstattung, bei der es immer um Hot News geht, schnell, tagesaktuell, zugespitzt, ist wahrscheinlich der Faktor Zeit. In meiner Arbeit bewegt sich der Erzähler langsam durch einen grossen Raum, erinnert sich, beobachtet und macht Umwege. Es ist ein mäandernder Gedankenstrom. Die Wahrnehmung ist dabei auf die Tiefenschicht unter der Tagesaktualiät gerichtet, auf die langsamen Prozesse, die sich unter dem Ereignis verbergen.

Um welche Krise geht es?
Galić: Deine Arbeit umfasst einen weiter gefassten Denk- und Zeitraum als etwa die «Flüchtlingskrise». Du sagst, es wäre richtiger, einfach von einer «Krise» zu sprechen. Worin besteht für dich der Charakter dieser Krise?

Jula: Ich denke, der Flüchtlings- und Migrationsstrom hat latent bestehende Krisen sichtbar gemacht. Eine Globalisierungskrise etwa, eine Krise der europäischen Institutionen, eine Identitätskrise europäischer Gesellschaften. Es ist eine Krise, die sich auf verschiedenen Ebenen abspielt. Ich habe die Arbeit ‹Vanishing Syria› genannt, weil ich den Massenexodus als zeichenhaft für die Auflösung eines bedeutenden, jahrtausendalten Zivilsationsraums sehe. Für mich ist das keine Tragödie, die nur ­Syrer betrifft. Mit Syrien ging nicht nur ihnen, sondern auch uns etwas verloren, ­Syrien ist eine der Wurzeln auch unserer Geschichte und Identität. Es ist ein gemeinsamer Verlust. Pasolini sprach vom Anbruch einer Epoche der «Dopostoria». Für mich wird in dieser Krise ein solcher Wendepunkt sichtbar. Das Verschwinden als Übergang in eine Epoche völliger Geschichtslosigkeit.
Goran Galić und Gian-Reto Gredig leben in Zürich und arbeiten seit 2002 als Künstlerduo. galic@gmx.ch
Rudolph Jula, Reiseschriftsteller und Fotograf, lebt in Zürich und Berlin. r.jula@gmx.net

‹Vanishing Syria›, Online-Projekt für ‹Situations›, Fotomuseum Winterthur; zudem wird die Arbeit als Projektion im Helmhaus Zürich präsentiert, am 6.4., 18.30-20 Uhr


Projektion im Helmhaus Zürich am 6.4., 18.30–20 Uhr



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Situations/Faktisch [20.05.17-17.09.17]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Institutionen Helmhaus [Zürich/Schweiz]
Autor/in Goran Galic
Künstler/in Rudolph Jula
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