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Besprechung
4.2017


Hans Rudolf Reust :  Malerei ist der Bezugsraum für die Bilder und Objekte von ­Michael Krebber. So viel scheint auf Anhieb klar. Zudem lässt sich die ausgreifende Leichtigkeit seiner Präsentation verschiedener Träger auch als eine Form der unaufhaltsamen Migration von Bildern verstehen. Doch sollte Kunst nicht mehr zeigen?


Bern : Michael Krebber - Laminare Strömung


  
Michael Krebber · The Living Wedge, Installationsansicht, Kunsthalle Bern, 2017


‹HiFly2›, 2008, im Deutschen lautmalerisch als HighFlyZwei zu lesen, verrät als eines von zwei segmentierten Surfbrettern schon in der Eingangshalle die Tendenz dieser Ausstellung zum Wellenreiten auf einer laminaren Strömung. «Die laminare Strömung (lat. lamina = Platte) ist eine Bewegung von Flüssigkeiten und Gasen, bei der (noch) keine sichtbaren Turbulenzen (Verwirbelungen/Querströmungen) auftreten: Das Fluid strömt in Schichten, die sich nicht miteinander vermischen. In diesem Fall handelt es sich meist um eine stationäre Strömung», so lehrt uns Wikipedia.
Blicke gleiten durch die Räume, über weiss grundierte, bemalte oder bunt bedruckte Flächen, verfangen sich in Collagen oder in vereinzelt, flüchtig gesetzten ­linearen Anspielungen, die im Sinne der Titel zuweilen auch als «too early unfinished» auftreten und ihren «Frieden mit der Kleinkunst» gefunden haben. Michael Krebber (*1954, Köln) sucht nicht die grosse Geste. Seine Kunst spielt mit ihrer Verpackung und Verkleidung, wird ornamental mit Girlanden dekoriert oder bleibt in der geöffneten Transportkiste liegen. Die Wiederholung von Materialien und Motiven, ­deren Farbverkehrung, Dimensionsverschiebung oder Zuspiel über mehrere Wände lassen an eine Folge von Scans und Rescans denken. Kaum ein Element lässt sich autonom verstehen. Vielmehr finden sich vielfache Hinweise auf eine Ironisierung. Die materielle Präsenz der Bildobjekte bleibt greifbar. Zugleich migrieren die Bilder, sind nur auf Zeit zu fassen und erweisen sich nur in einer «stationären Strömung» als stabil.
Die Schau versteht sich explizit nicht als Retrospektive, eher als momentan gültige Werkauswahl seit den Achtzigerjahren. Im letzten Raum sind die jüngsten Malereien von 2015 versammelt: leuchtend weiss grundierte Flächen, auf denen lineare und durchscheinend flächige, sich überlagernde grüne Pinselstriche wie Akzente auf einem Bildschirm erscheinen, rasch eingespielt zwischen Ein- und Ausblenden. Und hier beginnen auch die Fragen an Krebbers Partitur: In ihrer Offenheit entziehen sie sich jeder Festschreibung. Und dies in einer Zeit, in der wir auf politischer Ebene mit einem zunehmend grotesken Despotismus konfrontiert sind. Dieser stellt auch die Kunst vor die unausweichliche Frage, ob sie nicht mehr fassen kann als den ironischen Selbstbezug. ‹The Living Wedge› (Der lebende Keil) evoziert im Titel eine starke Metapher. Die Schau lässt allerdings offen, wo genau dieser Keil ansetzt oder ob er dahintreibt wie ein Surfbrett auf den Wellen, ohne Turbulenzen.

Bis: 30.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Michael Krebber [18.02.17-30.04.17]
Institutionen Kunsthalle Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Hans Rudolf Reust
Künstler/in Michael Krebber
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