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Besprechung
4.2017


Mechthild Heuser :  Als Untergetauchte müsste man sie wohl bezeichnen: Anne Loch. Eine deutsche Malerin, die mit den Neuen Wilden in den Achtzigern fulminante Erfolge feierte, die aber plötzlich von der Bildfläche verschwand. Die innere Emigration ging mit diversen Ortswechseln einher, bis sie 2014 in Promontogno verstarb.


Chur : Anne Loch - Die Wiederentdeckung einer Künstlerin


  
Anne Loch · AL 644, 1966, Acryl auf Leinwand, 180x220 cm


Erstaunlich ist dabei, dass die Malerei von Anne Loch (1964-2014) vom Wechsel ihrer jeweiligen Lebensmittelpunkte - 1989 von Köln nach Thusis, 2002 nach Essen und 2013, schwer krank, zurück in die Schweiz, wo sie 2014 in Promontogno starb - unberührt blieb. Gleichbleibende, bereits in den Achtzigerjahren angelegte Vorlieben standen im Zentrum: Blumen, Bergdarstellungen, Wälder, Landschaften, Rehe und Hirsche, Stilleben. Was konventionell klingt, bricht jede Konvention durch die monumentalen Formate. Durch sie und durch die extreme, expressive Farbigkeit fasziniert die spätere Malerei auch jenseits des Sujets. Diese Entwicklung lässt sich an den Blütenbildern gut ablesen. Während Alpenblumen zunächst provokant naiv wie in der Schnappschussfotografie eines Wanderers vor unscharfem Landschaftshintergrund inszeniert werden, folgen Nahsichten von Gartenblumen in der Aufsicht, also ohne Horizont, in einer leicht angeschmutzten, eher düsteren Farbigkeit. Dass es sich dabei um Stiefmütterchen handelt, erscheint wie ein ironischer Kommentar auf deren biederes Zimmerpflanzendasein in Haushalten der Fünfzigerjahre.
Mit ihren Rosenbildern holt die Künstlerin zu einem Befreiungsschlag aus: In riesigen Formaten tritt das Sujet in den Hintergrund zugunsten einer Verselbständigung seiner Binnenstruktur: Wir sehen einen leuchtenden, blutroten Blätterwald, der als All-over-Pattern die Leinwand sprengt und den Blick labyrinthisch in sein Zentrum zieht. Nebenbei werden hier erotische Implikationen heraufbeschworen. Auffällig ist, neben der Serialität der Bilder, das Verlassen der Vielfarbigkeit zugunsten der Monochromie. Beide Formelemente bestimmen wegweisend das weitere Werk. Ab Ende der Neunzigerjahre fällt auch die Hinwendung zur zeichnerischen Bearbeitung der übergrossen Leiwände auf. Damit einher geht ein gänzlicher Verzicht auf Buntfarbigkeit: Stattdessen entstehen Berglandschaften in schwarzen Schraffuren auf braunem Lackgrund. Die absolute Reduktion stellen die späten, kurz vor dem Tod gemalten schwarzen Silhouetten von Blüten vor weissem Grund dar, aus denen jede Farbe getilgt wurde. Dass dieses vielfältige Œuvre nun zwei Jahre nach dem Tod Anne Lochs in Chur umfassend gewürdigt werden kann, wurde durch die Initiative eines privaten Kunstliebhabers möglich, des Berner Architekten André Born, der zugleich der Nachlassverwalter der Künstlerin ist. Ohne seine Vorarbeit und Sichtung der über tausend Werke wäre die Ausstellung in Chur wohl nicht möglich geworden.

Bis: 07.05.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Anne Loch [25.02.17-07.05.17]
Institutionen Bündner Kunstmuseum [Chur/Schweiz]
Autor/in Mechthild Heuser
Künstler/in Anne Loch
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