Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
4.2017


Barbara Fässler :  Die Retrospektive im MASILugano enthüllt Meret Oppenheims Werk als Teil eines mehrschichtigen Dialogs mit ihren Künstlerfreunden und als Inspirationsquelle nachfolgender Generationen. Mit akkuraten Gegenüberstellungen untermalt die Schau Oppenheims Bedeutung als Motor in der jüngeren Kunstgeschichte.


Lugano : Meret Oppenheim - Rollenspiel im Künstlernetzwerk


  
Meret Oppenheim · Bon Appetit, Marcel (The White Queen), 1966, Mixed Media, 32x32x10 cm, Privatsammlung ©ProLitteris


«Der Geist ist androgyn» und «Die Kunst hat kein Geschlechtsmerkmal». Mit diesen Worten hat Meret Oppenheim (1913-1985) ihre Haltung zur eigenen Geschichte und Kunst anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Stadt Basel 1974 geklärt. Die Werkschau in Lugano versucht nun, die Rolle der Basler Künstlerin während ihrer Anfänge im Paris der Dreissigerjahre und ihres späteren Werks in ein korrekteres Licht zu rücken. Der Mythos der «femme-enfant», Inspirationsmuse und Objekt des Begehrens der zwanzig Jahre älteren Surrealisten weicht dem Bild einer autonomen, brillanten und ironischen Poetin, deren Beziehungen mit den surrealistischen Künstlern Anlass zu einem vielseitigen Kunstdialog boten. Die thematisch choreografierte Schau widerspiegelt Oppenheims Eklektizismus und nimmt ihre Werkmotive auf: Nahrung und Sexualität, Körper und Materie, Träume und ­Fabeln, Himmel und Erde. Dabei entpuppt sich der stete Bezug ihrer Werke zur vorhergehenden und zur nachfolgenden Künstlergeneration weder als Kopieren noch als Zitieren, sondern als fruchtbarer Gedankenaustausch, als ein Aufnehmen von Topoi, die sie aus einer sehr eigenen Position formal und interpretatorisch weiterentwickelt.
So hat sie auf die mechanischen Zahnräder in Max Ernsts Collage ‹Vademekum mobile› mit einer Zeichnung reagiert, in der die Kreise zu ‹Leute auf der Strasse› werden. Die Rädchen mutieren zu bewegten Individuen eines sozialen Systems. In ihrem Geschenk an Marcel Duchamp, dem Objekt ‹Bon Appetit Marcel (The White Queen)› wird auf einem Schachbrett ein weiblicher, aufgeschlitzter Körper aus Brotteig auf einem Teller samt Messer und Gabel angeboten. Der bissige und selbstironische Unterton ist nicht zu übersehen: Die Königin - die mächtigste und einzige weibliche Schachfigur - wird geopfert und dem Gegenspieler zum Frass vorgeworfen. Im Porträt ‹Érotique voilée› von Man Ray werden Oppenheims weibliche Geschlechtsmerkmale vom Rad der Druckpresse verdeckt, indessen der Griff kaum wahrnehmbar als männliches Geschlechtsteil erscheint. Die Künstlerin erhebt den mit Druckerschwärze bemalten Arm in Abwehrstellung vor den Kopf. Die Bilderserie ist als Gemeinschafts­arbeit entstanden, Oppenheim beteiligte sich aktiv an der Bildgenerierung und stellt sich selbst und ihre Idee von Kunst dar: ein androgynes und gleichberechtigtes ­Zusammenspiel zwischen weiblichem und männlichem Akteur.

Bis: 28.05.2017


mit Katalog



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Meret Oppenheim [12.02.17-28.05.17]
Institutionen MASI/LAC Lugano Arte e Cultura [Lugano/Schweiz]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in Meret Oppenheim
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170317160910AAA-14
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.