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Besprechung
4.2017


J. Emil Sennewald :  Welchen Einfluss üben Computer auf uns aus? Die erste Ausstellung von Yoann Gourmel, geschichstfester neuer Kurator am Palais de Tokyo, erfreut mit Positionen, welche die beschworene Metaphysik des Digitalen als genuin modernes Projekt erkennen lassen.


Paris : ‹All watched over by machines of loving grace› - Digitale Hassliebe


  
Sous le regard de machines pleines d'amour et de grâce, 2017, Ausstellungsansichten Palais de Tokyo Paris. Foto: Aurélien Mole


Auf einem vergilbten Bogen steht das titelgebende Gedicht, das Richard Brautigan 1967 als Fotokopie in den Strassen von San Francisco verteilte. Das Beatnik-Blatt ist Leitmotiv für die folgenden Bilder, Projektionen, Skulpturen. Deren Zusammenstellung entfaltet zum einen die ästhetische Ladung von Objekten, wie die Vorhänge, die Maria Lund in der Serie ‹Stills› seit 2015 auf Keilrahmen zieht. Sonne von aussen und Ausdünstungen in den Räumen, in denen sie hingen, haben deren Falten auf den Stoff gebrannt: autopoetische Bilder. Das frühromantische Motiv sich selbst generierender Ästhetik verschiebt die Ausstellung ins digitale Jetzt. «Die Omnipräsenz von Computern und Apparaten», sagt Gourmel, «wirft die Frage nach dem Einfluss auf, den diese Objekte auf uns ausüben.» Statt ein Leben in Komfort, frei von Arbeitslast, schaffen digitale Maschinen ein neues Denken, Empfinden, Handeln - und sie schaffen Arbeitsplätze ab. Inzwischen fordert sogar Bill Gates, dass Roboter Sozialabgaben zahlen. Im Netzverwertungszusammenhang sind Subjektivität und Emotionen, einst Pfand für Freiheit, Teil ausbeuterischer Ökonomie. Die Moderne frisst ihre Enkel. Schon Allen Ginsbergs ‹Howl› produziert seinen Sound der Auflehnung im repetitiven Takt der Maschinen. Gleich im ersten Saal knüpft Mika Tajima (*1975, Los Angeles) daran an, übersetzt den fluktuierenden Handelspreis von Gold als wohlige Lichtinstallation, eine Wellness-Oase im Datenfluss. Auch ihre grossformatigen abstrakt-expressionistischen Jacquard-Gewebe spannen den historischen Bogen des Kapitalismus. Mit dem Jacquard-Webstuhl setzte 1805 die codierte Industrialisierung ein - und wenig später die Arbeiterbewegung. Sie blieb den Maschinen verhaftet, die sie hervorbrachten und die heute in alle Lebensräume vordringen. Eine Lösung könnten poetische Gesten wie die von Lee Kit (*1978, Hongkong) bringen. Mit seinem zur Rauminstallation entfalteten Gemälde verdichtet er den digitalen Kontext als Lebenswelt, macht ihn durch Verfremdung behandelbar. Historischer Materialismus als Gegenwartskunst - in diesem Sinn erscheinen u.a. auch Isabelle Cornaros Montage von Disney-Filmschnipseln oder der Film ‹Objection›, 1974, der bereits 1994 verstorbenen amerikanischen Filmemacherin Marjorie Keller. Sie zeigt eine Methode des Widerstands gegen die alles umfangende kulturindustrielle «loving grace»: genau hinsehen, aneignen, verfremden. Objekte haben nur so viel eigenmächtige Kraft, wie wir ihnen als Teil unseres intimsten Lebens einräumen.

Bis: 08.05.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Sous le regard de machines pleines d’amour et de grâce [03.02.17-08.05.17]
Institutionen Palais de Tokyo [Paris/Frankreich]
Autor/in J. Emil Sennewald
Künstler/in Mika Tajima
Künstler/in Lee Kit
Künstler/in Marjorie Keller
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