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Besprechung
4.2017


Alice Henkes :  Kunstschaffende nutzen Spiegel gern als Medium der Reflexion über das Ich und die Welt. Auch die Medizin arbeitet mit Spiegeln. Neurowissenschaftler/innen erkunden, was Spiegelbilder auslösen können. Die Ausstellung ‹Mirror Images› im Kunstmuseum Thun bringt Spiegel in Kunst und Wissenschaft zusammen.


Thun : Mirror Images


  
Charlie Todd & Improv Everywhere · Human Mirror, Video, 2008


In ‹Alice hinter den Spiegeln› lässt Lewis Carroll seine Romanheldin durch einen Spiegel klettern. Dahinter sieht alles beinahe genauso aus wie im elterlichen Salon, aber eben nur beinahe. Es sind die kleinen Abweichungen und Irritationen, die Dichter und Kunstschaffende faszinieren. Spiegel zeigen, was eigentlich nicht zu sehen ist: das eigene Gesicht, aber auch virtuelle Räume. Auch in der medizinischen Forschung wurden oft Spiegel eingesetzt, um unzugängliche Bereiche zu erkunden. Der Stirnreflektor, ein das Licht bündelnder Hohlspiegel, diente Ärzten noch Ende des 20. Jahrhunderts zum Ausleuchten des Rachenraums. Der Augenspiegel wurde 1849 von Hermann von Helmholtz entwickelt, um den Augenhintergrund zu untersuchen. Heute nutzen Neurowissenschaftler Spiegel, um bspw. den Phantomschmerz an amputierten Gliedmassen zu erklären und zu behandeln.
Mannigfaltig sind die Einsatzmöglichkeiten und Bedeutungsebenen von Spiegelungen und Spiegeln in Kunst und Medizin. Die Ausstellung ‹Mirror Images› will Einblick in dieses flirrende Feld geben und verbindet Kunstwerke und medizinische Objekte. Und viele der künstlerischen Arbeiten und wissenschaftlichen Exponate, die Helen Hirsch, Direktorin des Kunstmuseums Thun, und Gastkuratorin Alessandra Pace zusammengetragen haben, bieten hervorragende Anregung zum Nachsinnen über das Verhältnis von Kunst und Medizin, aber auch von Sehen und Wissen. Neben dem oben genannten historischen Augenspiegel sind kleine Aquarelle zu sehen, mit denen ein Künstler dokumentierte, was damals noch nicht fototgrafisch festgehalten werden konnte. Eine Installation von Michelangelo Pistoletto wagt sich ins Philosophisch-Spekulative. Sie besteht aus einem Würfel mit Spiegelflächen auf der Innenseite, ein unendlicher Raum wird erzeugt, der ebenso unsichtbar wie unzugänglich bleibt. Ein Video zeigt eine Aktion des Komödianten Charlie Todd und des Kollektivs «Improv Everywhere», für die identisch gekleidete Zwillinge im öffentlichen Raum identische Handlungen vollzogen und so einen humoristisch-surrealen Spiegeleffekt erzeugt haben. Es gibt Videoaufnahmen von Affen, die sich im Spiegel entdecken, und Selbstporträts. Vieles ist anregend, vieles ist sehenswert, manche Exponate, bspw. das Foto eines Arztes, der sich mithilfe eines Spiegels selber operiert, führen auf eher verwirrende Seitenwege. Eine stärkere thematische Straffung hätte gutgetan, gerade bei einem ins Unendliche spielenden Thema wie der Spiegelung.

Bis: 30.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Mirror Images [11.02.17-30.04.17]
Institutionen Kunstmuseum Thun [Thun/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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