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Besprechung
4.2017


Johanna Encrantz :  Sich einen allumfassenden Überblick über die Welt zu verschaffen, ist ein unerfüllbarer Anspruch. Dennoch kann es ­einen Blick von oben geben, eine Metaebene als super-universale ­Gesamtansicht von Menschen und Prozessen - ein Versuch, den Francesco Jodice im Fotomuseum unternommen hat.


Winterthur : Francesco Jodice - Panorama


  
links: Francesco Jodice · Capri, The Diefenbach Chronicles, #003, 2013
rechts: Francesco Jodice · What We Want, São Paulo, R35, 2006


Im dritten Raum befindet sich das Herz von Francesco Jodices (*1967) grosser Schau, es sind vier lange Tische mit Materialien, die zum Denken und Arbeiten notwendig sind: Bücher, Bilder, Filme, Fotos, Notizen, Artikel. Aus diesen Quellen formen sich die Vorstellungen des italienischen Fotografen über eine Welt, die er in ihren Veränderungen und Interaktionen verstehen möchte. Hier beginnt auch der Prozess der Kunst, das heisst die Materialisierung der Gedanken in unterschiedlichen Formen, die als Fotografien, Texte und Filme in vier weiteren Räumen des Fotomuseums präsentiert werden. Jodice schickt uns dabei auf eine Reise in fünf Kontinente. Er zeigt uns Fragmente, die durch das Mitdenken und Anschauen zu einem Ganzen werden. Ein Atlas über das Menschsein in urbanen Zentren der Gegenwart, ein Text- und Bildarchiv als Gesamtbild von dem, was wir (vielleicht) sind.
Die Landschaft als ein Fragment der Sehnsucht: Jodice bearbeitet in ‹The Diefenbach Chronicles›, 2013, die Verschränkung von Natur und Kultur. Dafür fokussierte er auf den 1913 in Capri verstorbenen Maler, Revolutionär und Pazifisten Karl Wilhelm Diefenbach und dessen Idee einer utopischen Landschaft. Er suchte nach Parallelen zwischen dem damaligen und dem heutigen Kunstschaffen in Europa. Daraus ist eine im Geiste der Romantik aufgenommene Fotoserie über die Felsen in Capri entstanden.
So abstrakt die Idee einer globalen Schau menschlicher Anliegen und Prozesse auch sein mag, der Künstler und Fotograf steht mit seinem tiefen humanistischen Engagement dafür ein. Er versucht nicht nur mit konzeptuellen Überlegungen unser Selbstverständnis zu analysieren, sondern lässt uns mit dem Herzen sehen: Die mehrteilige Projektion ‹The Secret Traces›, 1996-2007, zeigt eine Person, die sich durch eine Stadt bewegt, wir kennen sie nicht, aber beobachten sie. Die Passantin weiss nichts von unseren Beobachtungen und obschon nichts Kompromittierendes geschieht, ist sie unserem Blick ausgeliefert. Wir entwickeln eine Beziehung zu ihr, spüren ihre Verletzlichkeit - ein fremder Mensch ist uns plötzlich nah.
Jodice möchte die Kunst aus dem Museum hinaus zu den Menschen bringen. Viele Betrachtende, viele Blickwinkel: Das Thema der Partizipation behandelt er in den Filmen ‹City Tellers›, 2006-2010. Die Erzählung multipler Standpunkte menschlicher Prozesse in Millionenmetropolen, gesendet im Fernsehen für ein Millionenpublikum, zeigen - wie die ganze Schau - ein Mosaik unserer Welt.

Bis: 26.03.2017


Künstlergespräch 26.3



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Francesco Jodice [11.02.17-07.05.17]
Institutionen Fotomuseum Winterthur [Winterthur/Schweiz]
Autor/in Johanna Encrantz
Künstler/in Francesco Jodice
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