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Besprechung
4.2017


Dominique von Burg :  Sara Masüger visualisiert mit Körperfragmenten aus Zinn Erinnerungsvorgänge, die sich im Arbeitsprozess bald als abstraktes, bald als figuratives Formenvokabular herausbilden. Das Einfrieren von ephemeren Momenten und von körpereigenen Erinnerungen steht exemplarisch für ihr Schaffen.


Zürich : Sara Masüger - Don't Worry I'll Organize Your Memory


  
Sara Masüger · Don't Worry I'll Organize Your Memory, 2017, Ausstellungsansicht Galerie Barbara Seiler Zürich. Foto: Stefan Altenburger


«Achtung, die Wände haben Ohren» mag in heiklen Situationen als Mahnung geäussert werden. Diese scheint Sara Masüger (*1978, Zug) in einem Raum der Galerie umgesetzt zu haben, indem sie die Wände mit kleinen, zerfliessenden Ohren aus Zinn bestückt. Das Phänomen des Zergehens ist in ihren Arbeiten allgegenwärtig. Bald sieht man Hände in einer gitterartigen Struktur verfangen, bald Fragmente von Gesichtern. Je nach unserem Blickpunkt verändern sie ihre Gestalt. Bald überwiegt der Eindruck eines Körperfragments, bald zerlaufen die Formen und erinnern an abstrakte Gebilde, bald lösen sie sich in bizarre Objekte auf oder kippen in bruchstückartige Konfigurationen. Diese fragilen Objekte bekommen Halt durch die Präsenz der hohen schwarzen, den Raum dominierenden Skulpturen.
Masüger schafft Werke aus Zinn, Styropor, Holz oder Epoxidharz, Eisen und ­Acrystal. In einem grossen Ofen produziert sie die Zinngüsse selbst. Dazu schmilzt sie alte Trophäen, Zinnkrüge und Teller ein. Der Arbeitsprozess ist der Künstlerin sehr wichtig. Zinn sei im Vergleich zu Aluminium viel sinnlicher und wärmer und lasse sich einfacher treiben. Eine auf einem weissen Sockel positionierte schlangenartige Konfiguration aus der Serie ‹Kinetic Replacement I›, 2016, lässt aus der Nähe betrachtet Hände erkennen, die mitten in ihren Bewegungen eingefroren scheinen. Diese Geste erinnert an Strategien der Futuristen, die mit bildnerischem Dynamismus die Bewegung in die Kunst zu integrieren suchten. Gleichzeitig wecken sie Assoziationen an die Flüchtigkeit des Daseins oder die Veränderung der Erinnerung im Lauf der Zeit. Hatte dafür nicht Salvador Dalí mit seinen zerlaufenden Uhren eine einprägsame Metapher geschaffen?
Beim Arbeiten mit den Körperfragmenten interessiert Masüger die körpereigene Erinnerung, zumal die Deformationen der Körperfragmente auf Verwundbarkeit und Zerfall schliessen lassen. Die Erinnerung versucht sie als Prozess der Verzerrung sichtbar zu machen. «Dabei ist mir wichtig, dass man zum einen Körperfragmente erkennt, sie zum andern aber auch wieder verliert, indem das Material (durch die bizarren Formen) dieselbe Wertigkeit bekommt. Dies hat viel mit dem Arbeitsprozess zu tun. Ich beginne mit einem Vorstellungsbild und versuche dieses dann durch entstehende Fehler zu verlieren oder weiterzudenken. Daher baue ich auch die Guss­formen selbst.»

Bis: 15.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Sara Masüger [28.01.17-02.04.17]
Institutionen Barbara Seiler [Zürich/Schweiz]
Autor/in Dominique von Burg
Künstler/in Sara Masüger
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