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Besprechung
4.2017


Fabienne Liptay :  Die Ausstellung ‹Cinéma mon amour. Kino in der Kunst› im Aargauer Kunsthaus zeigt Arbeiten von mehr als zwanzig Künstlerinnen und Künstlern, die sich dem Kino aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. In den Blick rückt das, was gemeinhin eher verborgen bleibt – Potentiale zur Neuerfindung.


Aarau : Blinde Flecken - Wie die Kunst das Kino sieht


  
Stan Douglas · The Secret Agent, 2015, 6-Kanal-Videoinstallation, 8-Kanal-Audiospur, Farbe, Ton, 53', 35'', Loop (mit 6 musikalischen Variationen), Courtesy David Zwirner, New York/London, und Victoria Miro, London


Es ist eine Geschichte voller Spannung, Leidenschaft und Verdacht. Vielleicht ist es auch eine Liebesgeschichte zwischen der Kunst und dem Kino. In der Videoinstallation ‹The Secret Agent›, 2015, die auf Joseph Conrads gleichnamigem Spionageroman basiert, verlegt Stan Douglas (*1960) das Geschehen u.a. in ein Kino, inmitten der konterrevolutionären Bewegungen in Portugal zur Zeit des sogenannten heissen Sommers 1975. Das im Vorraum aufgestellte Filmplakat wirbt für Bernardo Bertoluccis ‹Der letzte Tango in Paris›. Drinnen im Saal schaut das Publikum gebannt auf die flimmernde Leinwand, während sich das politische Geschehen draussen im Foyer und auf der Strasse zuspitzt. Auf sechs Projektionswänden werden die Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt; nichts bleibt dem konspirativen Blick verborgen - mit Ausnahme des Films, den die fiktiven Zuschauer im Kino sehen. Die Kinoleinwand ist gleichsam der blinde Fleck in den Argusaugen der Installation.
Die ausgestellten Arbeiten entwerfen Bilder vom Kino, in denen die Filme, die dort gezeigt werden, kategorisch fehlen. Zu sehen und zu hören ist stattdessen, was aus­serhalb von ihnen liegt: im Auditorium während der Vorführung (Janet Cardiff & George Bures Miller, ‹The Paradise Institute›, 2001) oder im Studio während des Castings (Candice Breitz, ‹The Rehearsal›, 2012), in den geschriebenen Drehbüchern (John Baldessari, ‹Pictures & Scripts›, 2015) oder den gesprochenen Dialogen (Pierre Bismuth, ‹The Jungle Book Project›, 2002), in den Überresten der Erinnerung an vergessene Filme (Teresa Hubbard & Alexander Birchler, ‹Movie Mountain (Méliès)›, 2011) oder in den Pressefotos toter Stars (Thomas Galler, ‹Old Man River - The Compensation Portraits›, 2009), in der Plakatwerbung für die besten Filme, die nie gedreht wurden (Fiona Banner, ‹The Greatest Film Never Made›, 2016), in den alternativen Schlüssen (Tacita Dean, ‹The Russian Ending›, 2001) oder den scheinbar endlosen Abspännen (Mark Wallinger, ‹The End›, 2006). Man müsste - so sagte Wim Wenders einmal - damit beginnen, die Geschichte des imaginären Films zu schreiben, all jener Ideen, die verdrängt oder vergessen wurden. Die Schau ‹Cinéma mon amour› erzählt diese Geschichte aus dem Blick der Kunst. Darin erscheint das Kino nicht, wie es war oder ist, sondern wie es sein könnte. Es ist dieser Raum der nicht ausgeschöpften Potenziale, der verpassten Chancen und erlittenen Fehlschläge, in dem die Kunst das Kino noch einmal neu erfindet - und wo sie es, möglicherweise, auch liebt.

Bis: 17.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Cinema mon amour - Kino in der Kunst [22.01.17-17.04.17]
Video Video
Institutionen Aargauer Kunsthaus [Aarau/Schweiz]
Autor/in Fabienne Liptay
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