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Besprechung
4.2017


Iris Kretzschmar :  Das Museum Tinguely zeigt den britischen Künstler Stephen Cripps, einen unorthodoxen Grenzgänger. Die erste grosse Schau seit seinem frühen Tod vor 35 Jahren zeigt ihn als Geistesverwandten von Jean Tinguely und etabliert ihn in der Nachfolge der entmaterialisierenden Tendenzen der Sechzigerjahre.


Basel : Stephen Cripps - Explosions are my paint


  
Stephen Cripps · Performance mit Schweissgerät im Studio in Butler's Wharf, 1975-1979, S/W-Fotografie, Courtesy Acme, Acme Archive


Seit seinem Studium an der Bath Academy of Art in Corsham (1970-1974) hatte sich Cripps (1952-1982) dem Bau von multimedialen, meist vergänglichen Installationen verschrieben. Seine Abschlussarbeit widmete er Jean Tinguely, dessen autodestruktive Arbeiten ihn faszinierten, insbesondere die ‹Hommage to New York›, 1960. Sein Statement «Explosions are my paint» manifestiert Cripps Liebe zu pyro­technischen Performances. Verbunden mit einem grossen Gefährdungspotenzial, riefen sie nicht selten die Feuerwehr auf den Plan. In ‹Machine Dances›, 1974/76, wurde der Künstler selbst zum Teil der Installation und setzte sich quasi als Marionette in einem Gerüst aus Stangen, Feuer und Rauch aus. Voraussetzung für Cripps ungestümes Wirken war die antibourgeoise Szene der Siebziger und ein künstlerisch-kollaboratives Umfeld in London, wie Butler's Wharf und die The Acme Gallery, die Raum für solch gewagte Interventionen boten.
Die Kuratorin Sandra Beate Reimann hat über zwei Jahre hinweg Nachforschungen betrieben, um das flüchtige, prozessuale Werk sichtbar zu machen. Neben ­Filmen, Fotos, Interviews und Tondokumenten spürte sie einen reichen Fundus an Collagen und Zeichnungen auf, der Einblick in einen faszinierenden Ideenkosmos gibt. Cripps Performing Machines waren ein ständiges Work in Progress und in immer neuen Settings erfuhren sie gestalterische Erweiterungen. Das Publikum frönte nicht nur dem Erlebnis, sondern wurde aktiv mit einbezogen. Bei ‹Shooting Gallery›, 1977/78, schossen die Leute auf hängende Becken und Xylofonteile, später auf eine modifizierte rotierende Vorrichtung. Klänge spielten für Cripps eine zentrale Rolle. Er gehörte zum ‹London Musicians Collective› und hatte einen ganzen Fundus von Alltagsgeräuschen gesammelt: Rasenmäher, knarrende Türen, Autohupen oder bellende Hunde baute er als Tonelemente in seine Installationen ein, oder er komponierte daraus reine ‹Sound-Works›. Viele Arbeiten sind mit britischem Humor ausgestattet, wie ein sich aufblähendes und wieder zusammensackendes Hochzeitskleid, oder der Film ‹Frills and Spills›, 1974, in der nach der Heirat mit einer Maschine ein hybrides Wesen geboren wird. Ein Teil der kinetischen Skulpturen konnte nicht ausgeführt werden und lebt in zahlreichen Ideenskizzen weiter. Sie legen Zeugnis eines experimentellen Gesamtkunstwerks ab, das aus einem leidenschaftlichen Gestaltungswillen ohne Rücksicht auf die Realisierung hervorgegangen ist.

Bis: 01.05.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Stephen Cripps [27.01.17-01.05.17]
Institutionen Museum Tinguely [Basel/Schweiz]
Autor/in Iris Kretzschmar
Künstler/in Stephen Cripps
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