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4.2017




Berlin : Chto Delat: On the Possibility of Light


von: Miriam Wiesel

  
Chto Delat · Lighthouse (It Is Getting Darker), 2017, Mixed media, Dim. variabel, Installationsansicht, KOW Berlin. Foto: Ladislav Zajac


Chto Delat - was tun? Der Name ist Programm. 2003 hat sich das Kollektiv aus Künstlern, Philosophen, Theoretikern und Aktivisten in Petersburg zusammengetan, um auf die angespannte politische Lage in Russland zu reagieren. Da sich auch anderswo die politische Situation zuspitzt, gewinnen ihre zum Teil drastischen Aktionen neue Dringlichkeit.
«It's Getting Darker» steht auf den Transparenten, die den raumfüllenden Leuchtturm bei KOW wie ein Lichtstrahl umgeben. Inspiriert von den Agitprop-Kiosken Gustav Klucis', ist sein Skelett aus roten und blauen Latten gezimmert: Rot, die Farbe des Kommunismus, ist auch die Farbe von Blut. Und so tritt ein Engel mit blutroten Flügeln neben den Turm, wird ein getöteter Demonstrant in den Himmel gehoben, liegen am Boden Leichen vom Maidan und der Pariser Kommune - die gefallenen Helden der Freiheit als Kollateralschäden von Erhebung und Widerstand.
Im Stockwerk darunter begegnet uns ein weiterer Leuchtturm im Video ‹It Has Not Happened to Us Yet›. Die norwegische Insel Sula ist den vor Krieg und Repressionen geflohenen Künstlern und Künstlerinnen ein «safe haven». Aber würde diese Gastfreundschaft auch anderen Flüchtlingen gewährt, an welche die Künstler stellvertretend erinnern? Wo sind die Grenzen dieser hier freundlich vorgetragenen Willkommenskultur?
Eine Wand mit Bildern aus dem Internet in Petersburger Hängung konfrontiert uns mit dem neuen Russland unter Putin. Ein Pope lässt sich vor dem monumentalen Porträt des verstorbenen Jugendidols Sergei Bodrow (‹Brat›/‹Der Bruder›) fotografieren, Christus ist von den Toten auferstanden - oder ist dieser Mann tatsächlich nur aus der Intensivstation getürmt, um sich eine Dose Bier zu besorgen, wie die Legende sagt? Performative Praktiken unserer Zeit.
«Was tun?» war der Titel eines Romans des russischen Autors Nikolai Tschernyschewski, der damit die Figur des asketischen intellektuellen Revolutionärs prägte; W.I. Lenin erwies ihm mit seiner gleichnamigen programmatischen Schrift 1902 Reverenz. Für Chto Delat ist es «eine Art Merkspruch für die Selbstorganisa-tion des Proletariats durch politisches Engagement», wie es im Katalog der Wiener Secession 2014 heisst. Ihre künstlerisch-aufklärerischen Aktivitäten - von Video und Theater über Zeitung, Wandmalereien, Seminare und öffentliche Kampagnen bis zur Initiierung einer Schule für engagierte Kunst - fügen dem Kampf um eine Veränderung der Realität eine weitere Dimen­sion hinzu. Einfach komplex.

Bis: 09.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Chto Delat [18.02.17-09.04.17]
Institutionen KOW Berlin [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Chto Delat
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