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4.2017




Chiasso : J. J. Winckelmann


von: Barbara Fässler

  
links: Anton von Maron · J.J. Winckelmann, 1768, Kopie von Otto Gerike, 1956, Öl auf Leinwand, Museo Winckelmann, Stendal
rechts: Paris und Aphrodite, Grafik aus I monumenti antichi inediti, n. 115, 1767, 14,6x14,5 cm, Sml. m.a.x. museo, Chiasso; neoattisches Relief (1. Jh. v. Chr.), Original um 430 v. Chr. Marmor, 67x66 cm, Museo Archeologico Naz. di Napoli


In seiner Ausstellungsreihe zu historischer Grafik widmet sich das m.a.x.museo für einmal nicht einem Künstler, sondern dem eigentlichen Begründer der modernen Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann. Von seiner ursprünglich geplanten vierbändigen Reihe ‹I monumenti antichi inediti› (Unpublizierte antike Monumente) erschienen nur die ersten zwei: Die wissenschaftliche Untersuchung wurde abrupt unterbrochen, als der Autor auf Durchreise in Triest vermutlich das Opfer eines Raubmordes wurde. Vom dritten Volumen ist der Nachwelt lediglich das Manuskript überliefert, das nun zum ersten Mal gemeinsam mit den 208 Radierungen aus der Erstausgabe von 1767 ausgestellt wird. Das Projekt Winckelmanns folgte dem aufklärerischen Drang, das Wissen und die Kultur systematisch aufzuarbeiten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Aus demselben Geiste sind das Monumentalwerk der französischen Enzyklopädisten um Denis Diderot oder die ersten Museen Europas entstanden. Obwohl Winckelmann ein Mann der Worte war und seine vorgängige ‹Geschichte der Kunst des Alterthums› - inspiriert von Plinius und Vasari - mehrheitlich aus Texten bestand, verlagerte sich im ‹Monumenti›-Projekt sein Zugang zur Antike von demjenigen des Theoretikers zu einer sinnlich-erotischen Rezeption. So stellten für ihn die griechischen Statuen das absolute (männliche) Schönheitsideal dar und Griechenlands Demokratie die Voraussetzung zur Entstehung von Kunst überhaupt. Winckelmann wählte eine Reihe von griechischen Monumenten - mehrheitlich aus der Sammlung seines Mäzens Kardinal Albani - aus und liess diese von Künstlern und Radierern dokumentieren. Entstanden ist siebzig Jahre vor der ersten Daguerrotypie ein Bilderkorpus von einem hohen Präzisionsgrad und einer erstaunlichen Vielseitigkeit. Obwohl Winckelmann eine «objektive» Darstellung anstrebte, um dem Projekt eine wissenschaftliche Basis zu verleihen, ist jede Radierung anders im Duktus, im Strich oder der Schraffurtechnik. Jeder Blick, jedes Wort, jedes Bild ist eine Interpretation. Winckelmanns illuministisches Sammel- und Kategorisierungsfieber hat eine regelrechte Modewelle ausgelöst: mit dem Klassizismus, dem erneuten Interesse an der antiken Kunst, den Romreisen der Intellektuellen und den «Papiermuseen» mit Illustrationen von Antikensammlungen. Als echte Bereicherung erweist sich nun auch die Veröffentlichung von ‹I monumenti antichi inediti› bei Skira.

Bis: 07.05.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen J. J. Winckelmann [06.02.17-07.05.17]
Institutionen m.a.x.museo [Chiasso/Schweiz]
Autor/in Barbara Fässler
Künstler/in J. J. Winckelmann
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