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4.2017




Zürich : Ludwig Kirchner


von: Brita Polzer

  
links: Ernst Ludwig Kirchner · Zirkus, 1913, Öl auf Leinwand, 120x100 cm. Foto: Sybille Forster
rechts: Ernst Ludwig Kirchner · Strasse am Stadtpark Schöneberg, 1912/13, Öl auf Leinwand, 121x151 cm. Foto: Larry Sanders


Viel zu klein ist die rot umrandete Manege, in der das grosse weisse Pferd herumgaloppiert. Von seinem Rücken herab scheint die rosafarbene, nackte Frau eher zu stürzen, als dass sie reitend darauf kunstvolle Übungen ausführt. Und obwohl Tier und Frau ja aktiv auftreten und wirken, sind sie zugleich eigenartig ausgesetzt, preisgegeben einem im Dunklen diffus skizzierten Publikum. Zu gross und in Scheinwerferlicht getaucht, werden sie uns entgegen- und aus dem Bild herauskatapultiert. ‹Zirkus›, 1913, zeigt stilistische Merkmale, die charakteristisch für Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) sind. Im Herbst 1911 hatte er - wie auch seine Freunde der Künstlergruppe ‹Brücke› - Dresden verlassen, um in Berlin neu anzufangen. Die pulsierende Metropole zog ihn in Bann, vor allem nachts streunte er herum, auf den Strassen und an Vergnügungsorten wie Varietés, Zirkus, Cafés. Besonders die Kokotten, die im damaligen Berlin nicht in Bordellen Freier suchen durften, sondern auf den Strassen in unablässiger Bewegung sein mussten, faszinierten den Künstler. In den Strassenszenen von 1913 malte er die Bewegungen der Metropole - nicht apokalyptisch wie damals beispielsweise Ludwig Meidner - sondern als geheimnisvoll exotischen und dichten Raum, als Wildnis, die mehr fasziniert als erschreckt. Ein Prickeln nächtlichen Voyeurismus, eine latente, fast kriminalistisch geladene Spannung pulsiert. Die Welt ist Bühne, Spektakel, Auftritt - und wie die Zirkusmanege, so werden auch Verkehrs­inseln und Bürgersteige zu schmalen Podesten, zu Laufstegen, auf denen man sich exponieren kann. Der Bildraum driftet einerseits weg, scheint zu fliehen und zu zersplittern, zugleich dem Maler und damit uns entgegenzudrängen. «Es strömen oft in solcher Menge Bilder auf einen ein, dass man nicht weiss, wo beginnen», wird Kirchner in einer Toninstallation zitiert. Die Sommermonate verbrachte er auf Fehmarn. Die Bilder, die dort entstehen, entwickeln mehr Raum, sind gelassener, entspannter. Die damals noch kaum touristisch erschlossene Ostseeinsel war für Kirchner ein Paradies der Ruhe.
Um 1913 begann der Soziologe Max Weber von der in Intellektualisierung und Rationalisierung begründeten «Entzauberung der Welt» zu sprechen. Kirchners Bilder sind fern davon! Die phantastische Ausstellung zeigt Arbeiten aus den Jahren 1911 bis 1917. Kuratorin ist Sandra Gianfreda. Mit Katalog.

Bis: 07.05.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Ernst Ludwig Kirchner [10.02.17-21.05.17]
Institutionen Kunsthaus Zürich [Zürich/Schweiz]
Autor/in Brita Polzer
Künstler/in Ernst Ludwig Kirchner
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