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4.2017




Zürich : Sebastian Utzni


von: Deborah Keller

  
links: Sebastian Utzni · 286 Rules of Acquisition, 2017 Edition 5 + 1AP, HD Videoloop mit Ton, Courtesy Herrmann Germann Contemporary, Zürich
rechts: Sebastian Utzni · M-Maybe (1985), 2016, Comic gerahmt, 41,5x51,5 cm, Courtesy Herrmann Germann Contemporary, Zürich


Eigentlich stehen alle Zeichen auf Spass und Unterhaltung: Comic-Hefte und Barbie-Puppen an den Wänden, mitten im Raum ein Bildschirm, von dem eine ‹Star-Trek›-Figur zu uns spricht, und eine Leuchtschrift, die den Text zum Song ‹Picasso Baby› des amerikanischen Rappers und Unternehmers Jay Z vorüberziehen lässt. Bei genauerem Hinschauen aber eröffnen sich Abgründe in der aktuellen Ausstellung von Sebastian Utzni (*1981, Augsburg) bei Herrmann Germann Contemporary: Noch harmlos ist dabei, dass sich die sprachliche Ebene von Jay Zs stimmungsmachendem Sound als eine Parodie auf den Jet Set-Kunstsammler entpuppt. Beunruhigender schon sind die drei Barbies, die in bedeutungsschwerer Bronze gegossen und mit den Köpfen von Karl Marx, Lenin und Mao Tse Tung versehen sind. In dieser symbolischen Verschmelzung von kapitalistischen und kommunistischen Idolfiguren werden beide gleichermassen zur grotesken Farce. Die siebzehn Comic-Hefte schliesslich, die Utzni aus den Jahren 1973 bis 2001 zusammengetragen und zur Serie ‹M-Maybe› gefügt hat, sind an Stellen aufgeschlagen, wo es dem jeweiligen Superhelden in der Geschichte nicht gelingt, die Zwillingstürme des World Trade Center vor der Zerstörung durch feindliche Mächte zu retten. Angesichts der Tatsache, dass diese Fiktion in den Ereignissen von 9/11 auf so erschütternde Weise wahr geworden ist, hört man dem Charakter aus ‹Star Trek› mit wachsendem Unbehagen zu. Er ist Angehöriger der ultrakapitalistischen Ferengi und verkündet in stoisch-faktischem Ton die Richtlinien dieser Gesellschaftsgruppe. Seine Worte klingen dabei allzu zeitgemäss: «Morality is always defined by those in power» heisst etwa der Grundsatz Nr. 28, und Nr. 126 lautet: «A lie isn't a lie, it's just the truth seen from a different point of view».
Der in Zürich lebende Utzni, der eine vertonte Variante von ‹M-Maybe› derzeit auch im Counter Space in Zürich präsentiert, zeigt sich in diesem neuen Werkkomplex als aufmerksamer Beobachter der Verquickung zwischen Unterhaltungsindustrie, gesellschaftlichen und politischen Phänomenen. Indem er Versatzstücke der Popkultur appropriiert und adaptiert, führt er uns unsere selbst geschaffenen Bildwelten eindrücklich sowohl als Spiegel wie auch als Orakel vor Augen.

Bis: 22.04.2017



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Ausgabe 4  2017
Ausstellungen Sebastian Utzni [27.02.17-22.04.17]
Ausstellungen Sebastian Utzni [25.02.17-12.04.17]
Institutionen Counter Space [Zürich/Schweiz]
Institutionen Herrmann Germann Contemporary [Zürich/Schweiz]
Autor/in Deborah Keller
Künstler/in Sebastian Utzni
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