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Fokus
5.2017


 Wer das Kunsthaus verlässt, dem erscheint Glarus roter als vorher. Mathis Gasser präsentiert hier erstmals die Trilogie ‹In the Museum›. Seine Referenzen sind vom Horrorfilm bis zur Kriegspolitik ausschliesslich blutigen Genres entnommen. Sie stellen unbequeme Verbindungen zwischen Bildern her, die in den Tiefen des kollektiven Unbewussten lagern.


Mathis Gasser - Splatter, Spaghetti und mordende Skulpturen


von: Meredith Stadler

  
links: In the Museum (Poster 13, After René Daniëls), 2012, Öl auf Leinwand, 80x55 cm
rechts: In the Museum Trilogy Inventory, 2017, Ausstellungsansicht Kunsthaus Glarus. Foto: Gunnar Meier


Intro von ‹In the Museum 3›, 2015-17: Rauchwolken wuchern in die Höhe. Überblendung. Jede Detonation erzeugt eine neue Bildschicht. Kein Originalton, doch der sphärische Soundtrack lässt das Aufschlagen der Bomben in maschinell erzeugten Tönen mitklingen. Ein rot ausgeleuchtetes Gesicht lauert verschwommen im Bildhintergrund. Da erwacht der Protagonist, dem das Gesicht gehört. Die Action-Figur von Christopher Walken, dem düsteren Hollywoodstar, dreht den Kopf. Neben ihm steht der Guide, ein Knochenmann mit Bart. Er streckt die Hand aus. Gemeinsam betreten sie das Labyrinth aus roten Wänden: das Unbewusste des Museums. Vor einer Öffnung in der Wand halten Walken und der Guide an. Sie blicken in einen Raum, der ein Lager für Anti-Helden sein muss. Hannibal Lecter, Ghostface, Samara Morgan aus ‹The Ring›, Mutierte und Mutilierte stehen hier in Reih und Glied. Im dunklen Labyrinth bewegen sich unterdessen Figuren, die uns durch die Massenmedien vertraut sind: In einem Raum mit Goldtapete hantiert Obama mit Maschinenhebeln, eine Hydra des Bösen trägt ihre vielen Köpfe durch das Labyrinth, Truppen von SWAT und ISIS schwärmen aus.
Alle diese so unterschiedlichen Akteure bettet die ‹ITM›-Trilogie in das Narrativ ein. Unsichtbarer Schnitt, Farbdramaturgie und Sounddesign, ebenso wie der «Realismus» der von Hand bewegten Figuren, berufen sich auf etablierte Stilmittel von Hollywood und Horror-Genre. Fortsetzungsfilm und Action-Figur sind gängige Instrumente, um die Anziehungskraft eines Films über sich selbst hinaus (markt-)wirksam zu machen. Auch dieses Potenzial schöpft Gasser aus. So hängen in den Kunsthaus-Korridoren Malereien, die als ‹ITM›-Filmplakate angelegt sind. Die projizierten Bilder aus der Blackbox scheinen sich hier im hellen Gang fortzupflanzen, ihn zum Kino­foyer zu machen. Immersiv ist die Ausstellung, aber auf eine Art, der es nicht um die rein sinnliche Überwältigung geht. Vielmehr nutzt Gasser die Mechanismen ­einer ganz spezifischen Macht. Es ist die Macht der Fiktion, welche das Sinnliche mit ­Ideen zu verweben vermag.
Das Unbewusste des Museums, in dem ‹ITM 3› spielt, visualisiert eine eigentliche Unterwelt kollektiver Vorstellungen. Diese Unterwelt ist unsichtbar, unbetretbar und zeitigt dennoch Effekte an der Erdoberfläche, auf der manche Entscheidung aufgrund latent vorhandener Vorstellungen getroffen wird. Gasser arbeitet mit fiktiven Figuren - worunter auch fiktionalisierte Bilder realer Persönlichkeiten fallen -, um solche Wechselwirkungen zu untersuchen, gesellschaftliche Vorgänge quasi «von unten her» zu verstehen. In der ‹ITM›-Trilogie wie in der Gemäldeserie ‹Heroes and Ghosts›, die er seit 2007 entwickelt, sind die Charaktere aber nicht allein Populär­medien entnommen. Es sind auch ikonische Kunstwerke, die zu Akteuren im kollektiven Unbewussten werden.
In der Anfangsszene von ‹In the Museum 1›, 2011-12, nehmen James Rosenquists Spaghetti mit Tomatensauce die Eingeweide-Ästhetik des Splattermovies vorweg, noch bevor der erste Zombie um die Ecke biegt; die Stäbe von Eva Hesses ‹Accretion› werden zu Waffen, die ebenfalls Pasta-ähnliche Filz-Skulptur von Robert Morris und die hyperrealistische Putzfrau von Duane Hanson erwachen zu kämpferischem, ja mörderischem Eigenleben. Gegenüber den halbtoten Menschenwesen scheinen sich die Kunstwerke ihres subjektgleichen, quasi-lebendigen Status zu besinnen. Der regungslose Zombieblick regiert das Museum - und die Kunstwerke starren zurück.

Gewalt und Kultur
So definiert Gasser das Museum sehr konkret als Ort der Untoten, als Ort also, an dem die Bildwelt aus den Tiefen des kollektiven Gedächtnisses erscheinen kann. Die Installation ‹In the Museum Trilogy Inventory›, 2017, im Oberlichtsaal des Kunsthauses leuchtet zusätzlich das Unbewusste des gefilmten Museums aus. Zum einen weist die chronologische Auslegeordnung der gefilmten Action-Figuren und Modelle auf die Machart der Fiktion hin. Zum anderen konfrontiert eine im Cluster präsentierte Skulpturengruppe diese Ordnung mit einem Blick, der jeglicher Dramaturgie gegenüber indifferent bleibt, sich nicht bewegen, aber auch nicht orchestrieren lässt.
Die formulierte Institutionskritik bleibt bewusst ambivalent. Das Museum ist ­einerseits eine Sammlung materieller Zeugnisse der kollektiven Sphäre, die Katharsis und das Denken neuer Beziehungen ermöglicht. Andererseits ist das Museum eine Institution, durch welche dieselbe Macht, die Kriege führt, Kultur produziert. Dementsprechend verbindet Gasser die rote Farbe der Malerei - im Fall von ‹In the Museum 2›, 2012-13, die Streifen der US-Flagge von Jasper Johns - mit dem im ­Namen politischer Erzählungen vergossenen Blut.
Kein Zufall ist auch die Parallelausstellung von Melanie Gilligan (*1979, Toronto). Ihre Videoarbeit ‹Popular Unrest›, welche die Ästhetik von High Definition und von anonymen Grossbüros mit Apokalypse verbindet, ist eine weitere Position in einer Art Denkfamilie, der sich Gassers Werk anschliesst. Beide Kunstschaffenden schöpfen in ihren Arbeiten dasselbe Potenzial der Fiktionalisierung aus, das auch den realen systembildenden Mächten zugutekommt.
Die Frage nach der Beziehung von Gewalt und Kultur ist eine, die Gasser fasziniert. Schliesslich bedient sich die Konstruktion von Helden und Anti-Helden in der Politik nur zu gerne in der Kultur erprobter Muster. Eine Ansichtskarte von Atlantic City, New Jersey, weist in ‹ITM 3› auf das unter der neuesten US-Präsidentschaft weitergeführte Schauspiel hin. Ein Stück, in dem die Macht, die Rollen zu verteilen, höchst einseitig gelagert ist. Anders das Finale von ‹In the Museum›: Christopher Walken übergibt seine Aufgabe an Normal Man - die nächste Generation. Abspann. Ein abgeschlagener Kopf liegt in der U-Bahn. Schnitt. Museumsrestauratorinnen nehmen die Körperteile antiker Puppen auseinander und setzen sie neu zusammen. End credits.
Meredith Stadler, Kunsthistorikerin in Zürich, meredith.stadler@bluewin.ch
Die Zitate stammen aus einem am 24.3. per E-Mail geführten Interview mit Mathis Gasser.


Bis: 14.05.2017


‹In the Museum Trilogy›, Kunsthaus Glarus, 2017. Booklet mit Texten von Mathis Gasser, Chihiro Matsumura und Judith Welter.

Mathis Gasser (*1984, Zürich) lebt in London
2005-10 HEAD Genf
2008-09 Toyo Institute of Art and Design, Tokyo
2010-12 Royal College of Art, London
2011 Hunter College, New York

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Sept sont tombés vers le ciel›, Centre d'édition contemporaine, Genf
2015 ‹Seven Fell from Earth›, Hester, New York; ‹Regulators 1›, Union Pacific, London
2013 ‹In the Museum›, Kunsthalle Bern; ‹In the Museum 1 & 2›, Piper Keys, London,
‹In the Museum 2›, ribordy contemporary, Genf



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Mathis Gasser, Melanie Gilligan [12.03.17-14.05.17]
Video Video
Institutionen Kunsthaus Glarus [Glarus/Schweiz]
Autor/in Meredith Stadler
Künstler/in Mathis Gasser
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