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Fokus
5.2017


 Die Vorgänge des Wahrnehmens und Erinnerns und die Möglichkeiten der Malerei beschäftigen Kotscha Reist seit Langem. Bekannt geworden ist er mit «unbunten» Bildern, die wie verschleiert oder verblasst wirken. In seinen aktuellen Arbeiten sind die Farben kräftiger geworden, wie eine Ausstellung im Kunsthaus Grenchen zeigt. Dominierende Motive sind Räume und Landschaften, und immer wieder Fenster und Türen und Bilder im Bild, mit denen Reist die künstlerische Aneignung der Wirklichkeit reflektiert.


Kotscha Reist - Les mémoires reconstruites


von: Alice Henkes

  
links: Die Entdeckung der Moderne, Öl auf Leinwand, 160x130 cm
rechts: Nordic Dream, 2016, Öl auf Leinwand, 130x160 cm


Hoch auf einer Leiter sitzt ein bärtiger Mann, souverän, selbstgewiss, im Mund ein Zigarillo, die Arme lässig verschränkt. Es handelt sich um einen Künstler, den man unter dem Titel ‹Die Entdeckung der Moderne›, 2016, wohl nicht erwartet hätte: Alfons Mucha (1860–1939). In der Epoche des Jugendstils war der aus Mähren gebürtige, in Paris lebende Grafiker ein Superstar. Seine Plakate und Kalenderblätter, in denen fliessende Linien, orientalischer Ornamentreichtum und laszive Erotik sich verbinden, wurden regelmässig aus den Aushängen gestohlen. Mucha gestaltete auch Schmuck und Möbel, ganz im Geist der Arts & Crafts-Bewegung, die auf die Wiederbelebung tradierten Handwerks setzte, um den als seelenlos empfundenen Industrieprodukten etwas entgegenzustellen. Im 20. Jahrhundert, als die Kunst sich zu intellektuelleren Ufern aufmachte, wurde Mucha auf den geistigen Gerümpelhaufen der Kunstgeschichte geworfen. Allenfalls romantisch gestimmte Mädchen begeisterten sich an seinen delikaten Frauenfiguren mit wehenden Haaren und Gewändern.

Was ist die Moderne?

Dass Kotscha Reist ausgerechnet diesen Plakatmaler als Entdecker der Moderne in Szene setzt, wirkt wie eine kleine Provokation. Genügt es, zu wissen, dass das Handwerkliche, das Selbstgemachte in der Kunst gerade wieder eine Renaissance erlebt? Dass junge Kunstschaffende, denen Reist als Dozent an der Ecole cantonale d’art du Valais in Sierre regelmässig begegnet, mit der konzeptuellen Vorstellung, die Idee sei das eigentliche Werk, nicht mehr viel anfangen können? Dass das Ästhetische, das gut Ausgeführte wieder an Ansehen gewinnt?
Reist, der ursprünglich von der Fotografie herkommt, ist auch in seinen jüngsten Werken, was er immer schon gewesen ist: ein genauer Beobachter und Analytiker der kreativen Mittel und des künstlerischen Blicks. Wenn er in einem grossformatigen Gemälde Alfons Mucha als Entdecker der Moderne vorstellt, geht es dabei um mehr als das Moment der Irritation, das sich aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen Titel und Motiv und den daraus abzuleitenden Fragen ergibt: Was ist die Moderne? Wann hat sie begonnen? Was ist ihr Movens? Der Jugendstil war, das nur am Rande, für seine Akteure eine durch und durch moderne Reformbewegung. Nostalgisch und verschmockt wurde er erst im Rückblick.
Interessant ist, wie Reist Alfons Mucha inszeniert. Auf einer Leiter sitzend, thronend möchte man sagen, vor einer grossen blauen Fläche, auf der weisse Linien ein Gitter ergeben. Es könnte ein Bild sein, das wie ein Fenster aussieht. Oder ein Fenster, das wie ein Bild aussieht. Es hat etwas von Minimal Art. Und von Surrealismus. Einige der weissen Linien oder Sprossen werfen Schatten, andere nicht. Einige sind über die Figur Muchas gezogen, ähnlich wie die Bäume in Magrittes ‹Der verlorene Jockey›. Interpretiert man die blaue Fläche als Bild im Bild, ergeben sich zahlreiche raffinierte kunsthistorische Bezüge. Sieht man darin ein Fenster, so stellt sich unweigerlich die Frage: Was könnte hinter diesem Fenster sein?
Es ist eine der interessantesten Fragen, welche die Kunst stellen kann. Und eine der beliebtesten. Fenster, Aus- und Durchblicke auf andere Räume, andere Welten finden sich in Gemälden von den Marienbildern der Renaissance bis heute. Kotscha Reist hat in seinem aktuellen Werk zahlreiche Fensterbilder gestaltet. Sie erscheinen auf raffinierte Weise unprätentiös und spielen mit der Wahrnehmung von Innen und Aussen, von Kultur und Natur, von Wahrnehmung und Erwartung. Es gibt Fenster, die relativ klar als solche erkennbar sind. Bspw. im Gemälde ‹Checking the Landscape›, 2012, das Bäume und ferne Hügel zeigt, hinter einem schwarzen Raster, das leicht als Fenster oder als von Sprossen unterteilte Glaswand identifiziert werden kann. Einige der Glasflächen sind eingetrübt, andere klar. Oder fehlen an einigen Stellen die Gläser? Aus dem Bild selbst ergeben sich keine Anhaltspunkte, die für die eine oder andere Sichtweise sprächen. ‹Side of the Incident›, 2015, zeigt eine ähnliche Situation, diesmal trifft der Blick von aussen auf Bäume und eine dahinterliegende Wand aus Fenstern, die jedoch stark abstrahiert sind und keinen Einblick gewähren.
In vielen dieser Bilder gibt es ein Moment der Unsicherheit bezüglich der räumlichen Verhältnisse. Besonders stark spielt Kotscha Reist dies in einer Reihe kleinformatiger Gemälde aus – ‹Appartment›, 2012, ‹Das Kabinett des Dr. Caligari›, 2015 –, die vorwiegend in Grautönen gehalten sind. Auf den ersten Blick zeigen die Bilder jeweils grosse Fenster, hinter denen sich mehr oder weniger klar erkennbare Naturformen (Bäume, Sträucher) abzeichnen. Der gemalte Raum, in den das Fenster eingebettet ist, ist jeweils dunkel, und er widerspricht der Logik räumlicher Darstellung. Immer gibt es da eine Ecke, wo keine sein kann, eine Wand, die nicht ins Bild passt. Es sind kleine Hinweise, die aber das gesamte Bildgefüge infrage stellen und letztlich auch den Standort und Standpunkt der Betrachtenden. Mit sehr sparsamen malerischen Mitteln gestaltet Reist hier eine Art Relativitätstheorie der Bildwahrnehmung.

Charme der Aufsteiger
In Werken wie ‹Nordic Dream›, 2016, scheint relativ klar, dass es sich bei der seltsam leeren Landschaft, die auf einem Holzboden lehnt, um ein Bild im Bild handelt. In einigen Werken ist nicht klar auszumachen, ob es sich um Bilder oder Fensterausblicke handelt. In ‹The Lake›, 2016, zeigt Reist, der stets nach Fotografien malt, eine aus verschiedenen Motiven zusammengesetzte Seelandschaft. Ein dunkler Waldstreifen markiert die Horizontlinie. Darüber matter Wolkenhimmel. Der See taubengrau und beunruhigend still. Ein kleines Boot liegt auf dem Wasser, das glatt und massiv wirkt wie glanzloses Eis. Zwei weisse, vertikale Streifen ziehen sich über das Gemälde. Das könnten durchaus Fenstersprossen sein. Oder auch Leerstellen, wie sie entstehen, wenn man mit einer Digtalkamera im Panorama-Modus fotografiert und die einzelnen Bildsegmente nicht richtig aneinander anschliessen. Wer ganz genau hinschaut, endeckt noch etwas: einen feinen Schriftzug im bedeckten Himmel, der sich als «pas mal», nicht schlecht, oder «banal» lesen lässt und die Frage aufwirft, was Landschaftsmalerei heute noch zu leisten in der Lage ist. Ob sie noch oder wieder eine Rolle spielen kann in der Kunst. Oder ob man die Betrachtung der Natur Ausflüglern mit Automatik-Kameras überlassen soll.
Was bleibt dann aber für die Kunst? Reists Werke der letzten Jahre mit ihren Fenstern und Türen und zahlreichen Bildern in Bildern lassen sich als Versuch einer erweiterten Standortbestimmung lesen. Wie verhält sich der Blick des Künstlers zur Wirklichkeit? Was kann Malerei über die Gegenwart aussagen? Kann sie die Welt erfassen? Oder verhandelt sie am Ende nur sich selbst?
Zwei besonders eindrucksvolle Bilder, die in Grenchen zu sehen sind, zeigen Drehtüren: ‹Revolving Door›, 2015, und ‹Revolving Door 2›, 2016. Zahlreiche Assoziationen lassen sich an diese Türen knüpfen, die immer sowohl geöffnet als auch geschlossen sind, immer sowohl in die eine als auch in die andere Richtung führen. Auf Reists Bildern erscheinen die Drehtüren herausgelöst aus allen räumlichen Zusammenhängen, wie ein Sinnbild für den nach Einsicht Suchenden, der in seinen Denkbewegungen immer wieder auf sich und die eigene Welt zurückkommt.
Alice Henkes (*1967, Hannover), Studium Germanistik und Soziologie, arbeitet als Kulturredaktorin für das Bieler Tagblatt und als freie Kunstkritikerin und Kuratorin. Sie lebt in Biel. alice.henkes@bluewin.ch

Bis: 21.05.2017


mit Katalog

Kotscha Reist (*1963, Bern) lebt in Bern

1980-84 Fotografenlehre in Bern
1984-89 Kunststudium an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam
1989-91 Assistent und Weiterbildung ‹Studium Generale›, Gerrit Riedveld Akademie Amsterdam
1995-1998 Engagement für den Kunstraum Kiosk im Berner Lorrainequartier
2000-2005 Dozent an der Ecole de multimédia et d'art de Fribourg
Seit 1997 Dozent an der Ecole cantonale d'art du Valais in Sierre

Einzelausstellungen (Auswahl)
2017 Galerie Bernhard Bischoff, Bern
2016 Bank Julius Bär, Bern
2013 Galerie Nouvelles Images, Den Haag
2012 Kunstmuseum@Progr, Bern (Katalog)
2010 Galerie Staffelbach, Zürich
2008 Galerie Nouvelles Images, Den Haag

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2016 ‹Druckgrafik des Vereins für Originalgraphik (VFO)›, Bündner Kunstmuseum, Chur;
Spam Contemporary, Düsseldorf
2015 ‹Don't Shoot the Painter - Paintings from the UBS Art Collection›, Galleria d'Arte Moderna,
Milano; Imago Mundi, Venedig; ‹L'Humen›, La Nef, Le Noirmont (Katalog)
2014 Galerie Rosenberg, Zürich



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Kotscha Reist [19.03.17-21.05.17]
Institutionen Kunsthaus Grenchen [Grenchen/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
Künstler/in Kotscha Reist
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