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Fokus
5.2017


 In der Schweiz ist man überzeugt, man befinde sich im Zentrum Europas. Mit den neuen Mitgliedstaaten der EU seit der Jahrtausendwende haben sich die geografischen Koordinaten aber verändert. Jetzt liegt Polen in der Mitte. Der in Warschau und Zürich lebende Künstler Georg Keller berichtet.


Kunstklima - Warschau


von: Georg Keller

  
Dieses Haus in der Ulica Hauke Bosaka im Stadtteil Żoliborz ist ein typischer Vertreter des Modernismus, wie man ihn hier oft antrifft, so auch in Saska Kepa oder Ochota. Der Zürcher Architekt Christian Kerez hat einen Architekturführer herausgegeben, der einige dieser Bauten zusammenfasst.


Für viele in der Schweiz ist Polen aber immer noch «weiter Osten» und künstlerische Positionen von dort interessieren nur begrenzt. Ich habe ab 2006 - nach drei Jahren an der Zürcher Hochschule der Künste - ein verlängertes Erasmus-Semester an der Academy of Fine Arts, Sztuk Pieknych Warszawa, verbracht. Dort lehrte damals noch Grzegorz Kowalski, bei dem auch Paweł Althamer, Artur Żmijewski und viele andere studiert haben. Letztlich bin ich aber mehr in der Stadt rumgelaufen, als dass ich die reguläre Ausbildung absolviert hätte. Warschau ist weniger durchorganisiert als Schweizer Städte, weniger aufgeräumt, es hat mehr Patina. Jeder Gegenstand und jedes Haus erzählt seine eigene Geschichte. Das fehlt mir oft in Zürich mit seiner Hochglanz-Ästhetik. Die unglaublich ereignisreiche und schwierige Vergangenheit dieser Stadt ist überall präsent - und jede Familie hat ihre ganz eigenen, oftmals schmerzhaften Erinnerungen. Einzig die im Kommunismus aktiv Involvierten stehen ohne Geschichte da, weil sie diese verleugnen. Die Polen haben jetzt zum ersten Mal selbst ihr Schicksal in der Hand, es herrscht Aufbruchstimmung und die Veränderungen gehen in hohem Tempo vonstatten. Im Zentrum Warschaus wurde innert weniger Jahre eine imposante Skyline hochgezogen. Der berühmte Palac Kultury steht nicht mehr als Solitär da, er ist nun eingerahmt von Hochhäusern. Am besten erkundet man Warschau zu Fuss, und sollte das Wetter einmal nicht mitspielen, so empfiehlt sich der Laden Parasole in der Ulica Francuska. Dort findet ein Flaneur alles, wessen er bedarf. Hier in der Schweiz läuft alles wie auf Schienen, alles ist geplant und vorgedacht, wenn man nicht aufpasst, setzt das Hirn Fett an. Hier als Künstler zu arbeiten, hat viele Vorteile, doch manchmal sieht man es der Kunst an, dass ihr die Reibung fehlt. Ich versuche, plurale Perspektiven zu entwickeln, und arbeite mit verschiedenen Referenzsystemen. Wenn ich hin- und herreise, muss ich mich jeweils wieder am anderen Ort eingewöhnen, bin gezwungen, frisch auf die Sachen zu schauen.
Die Winterzeit in Warschau ist lang, kalt und dunkel. Man sitzt häufig zusammen und trifft sich viel zu Hause. Diskussionen verlaufen intensiver, direkter und die Zeit verstreicht anders. Ihr wird etwas weniger Wert beigemessen, was das Leben entkrampft. Auch aufgrund der niedrigen Lebenshaltungskosten und der günstigen Mieten gibt es Zeit und Raum für kreative Prozesse. Das zeigt sich auch in der Kunst. Ich versuche, meine Kunstwerke weitestgehend selbst herzustellen, doch wenn ich technische Hilfe brauche, hole ich sie mir immer wieder in Warschau. In Polen konnten sich weite Teile von Industrie und Handwerk erhalten. Es gibt dort noch viel mehr ganz spezifische Produktionsorte - für das Metallgiessen bspw. oder für Neonarbeiten - mit Spezialisten, die stolz sind auf ihr Wissen und ihren Beruf.
Die Institutionen für zeitgenössische Kunst - bspw. die Zacheta, das Schloss Ujazdowski, das Museum of Modern Art - zeigen wesentlich mehr thematische Gruppenausstellungen als Schweizer Kunstorte und diese Ausstellungen brauchen den internationalen Vergleich nicht scheuen! Neben diesen drei miteinander konkurrierenden Museen gibt es noch zahlreiche Galerien und Offspaces. Pola Magnetyczne bspw. ist ein Ausstellungsraum in Saska Kepa, den jüngere Leute in einem Privathaus betreiben. Gezeigt werden aber explizit ältere Künstlerinnen und Künstler aus den Siebzigern und Achtzigern, den Jahren des Widerstands, die etwas in Vergessenheit geraten sind. Nicht unbedingt hip, aber interessant. Da ist sie wieder, die selbstverständliche Präsenz der Geschichte.
Georg Keller (*1981) lebt mit seiner Frau Zofia Kwasieborska und den beiden Söhnen in Warschau und in Zürich, gku@georgkeller.org


Kunstklima: Schweizer Kunstschaffende erzählen von Städten, die zum Zweitwohnsitz wurden.



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Ausgabe 5  2017
Autor/in Georg Keller
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