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Ansichten
5.2017


 Die Konzeptkünstlerin und Philosophin Adrian Piper antwortet in ihrem Buchprojekt ‹Colored People› auf rassistische Farb­zuschreibungen mit farbigen Stimmungsbildern und verweist damit sowohl auf die grundlegende Geprägtheit unseres Blicks als auch auf Möglichkeiten, dieser zu entwischen.


Ansichten - Colored People


  
Adrian Piper · Colored People, London: Book Works 1991, Jaundiced Yellow (Judith Wilson)


Ein Schwarzweissporträt einer Frau. Sie trägt einen Rollkragenpullover, ihre Haare sind gekraust und voll. Der Mund ist geöffnet, ihr Blick gesenkt. Sie wirkt bitter, betrübt, enttäuscht. Das Gesicht ist mit einem gelben Wachsstift kreisförmig bemalt, was den Ausdruck noch verstärkt. Ausgespart werden einzig Mund, Ohren und Augen. Warum dieser Ausdruck und weshalb ist das Gesicht angemalt?
Das Bild ist Teil einer Serie von fotografischen Selbstporträts, in denen jeweils ein mit einer Farbe verknüpftes Stimmungsbild wiedergegeben wird, beispielsweise «Green with envy», «Blue», «White with fear» oder «Black depression». In diesem Bild ist es der schwer zu übersetzende Ausdruck «Jaundiced yellow». Adrian Piper hatte für das kollaborative Buchprojekt «Colored People» (Book Works, 1991) insgesamt 16 Künstler/innen, Kurator/innen, Kritiker/innen und Kunsthistoriker/innen, zu gleichen Teilen Frauen wie Männer und schwarze wie weisse Personen, eingeladen, jeweils acht fotografische Schwarzweiss-Selbstporträts zu erstellen, in denen sie - die mit einer Farbe verknüpfte - Traurigkeit, Angst, Depression oder Bitterkeit zum Ausdruck bringen sollten.
Die erhaltenen Fotos bearbeitete Piper, sie malte die Gesichter mit Wachsstift mit der entsprechenden Farbe an. Jede Farbe erhielt ein eigenes Muster, mal kreisförmig, mal gerastert. Damit nutzte Piper den Begriff «colored» in einem buchstäblichen Sinn: eine Farbe haben oder kriegen. Der Begriff fungierte in den USA der 1990er-Jahre als pejorative Bezeichnung für nichtweisse Menschen, in erster Linie Afroamerikaner/innen. «Colored People» in diesem Sinn reduziert die Menschen auf ihre physische Erscheinung bei gleichzeitiger Setzung von «weiss» als Norm.
Ein Blick auf die Liste der am kollaborativen Buchprojekt Beteiligten zeigt ein ­Piper nahestehendes berufliches Netzwerk, in welchem die von ihr adressierte Frage nach Rassismus auf unterschiedliche Weise bearbeitet wird. Piper malt also nicht in erster Linie Weisse/Schwarze farbig an, sondern den Leser/innen bekannte Personen wie in diesem Bild Judith Wilson, eine Kunsthistorikerin, die zu Themen afroamerikanischer Kunst und schwarzer visueller Kultur arbeitet. Mit einem Humor, der dem Ernst der Thematik nicht entgegensteht, richtete Adrian Piper mit ihrer Arbeit die Frage nach Rassismus auf den Kunstbetrieb, auf jene Strukturen, in denen sie sich bewegt und in denen ihre Arbeit zirkuliert.
Lucie Kolb ist Künstlerin und Mitherausgeberin von Brand-New-Life, lucie@brand-new-life.org



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Ausgabe 5  2017
Autor/in Lucie Kolb
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