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Besprechung
5.2017


Eva Dietrich :  Rätselhafte Rituale mit elementaren Gesten und Materialien, Textobjekte und Klangskulpturen charakterisieren das Œuvre des Amerikaners Terry Fox. Der Pionier der Performance-, Konzept- und Klangkunst mit Bezug zu Bern wird im Kunstmuseum mit einer umfassenden Schau gewürdigt.


Bern : Terry Fox - Der Klang einer Rosine


  
Terry Fox · Pisces, 1971, Performance, San Francisco ©Estate of Terry Fox, Köln. Foto: Joel Glassman


Eine Rosine bildet Auftakt und Schlusspunkt der Ausstellung ‹Terry Fox. Elemental Gestures› im Kunstmuseum Bern. Auf den ersten Blick nur als ein schwarzes, verschrumpeltes Konzentrat erkennbar, liegt sie auf einem weissen, gerahmten Blatt, gefolgt vom Schriftzug ‹d'être›. ‹Raison d'être›, murmelt man automatisch, noch bevor man den gleichnamigen Titel der Edition von 2001 liest und die Materialangaben den schwarzen Krümel als Rosine enthüllen. Ob die Existenzberechtigung einer Rosine oder ein gärender Hefeteig verhandelt werden, die symbolische Aufladung alltäglicher Dinge und ihre Verwendung in Ritualen charakterisieren die frühen Aktionen von ­Terry Fox (1943-2008). Er arbeitete lange in Europa. Sein nur Insidern bekanntes Werk, gemeinsame Aktionen mit Joseph Beuys oder Bill Viola sowie sein Bezug zur Schweiz und zum Kunstmuseum Bern, das ab den Neunzigerjahren seine Werke kaufte, sind nun ebendort neu zu entdecken. An der ‹Furk'Art 1990› trug der Künstler einen Seebarsch zum Sidelengletscher hoch und legte ihn am Rande des tropfenden Eises nieder. Weil Fox früh an Krebs erkrankte, verhandeln seine Werke auch Vergänglichkeit und Schmerz. In der Performance ‹Pisces›, 1971, band er zwei lebendige Fische mittels Bindfaden an seine Zunge und sein Geschlecht, legte sich neben sie und verband sich so mit ihrem Zucken und Sterben. Seine Faszination für das Labyrinth in der Kathedrale von Chartres wurde zum Symbol der Selbstfindung des Menschen. In Objekten und Zeichnungen ab den Achtzigerjahren überlagern sich Materialien und Schriftzüge zu mehrdeutigen Lektüren und entziehen sich einer oberflächlichen Vereinnahmung, wie Fox selbst häufig seine Aktionen dem Publikum entzog. Er führte sie alleine durch oder beschränkte den Zugang, als ginge es ihm mehr um innere Vorstellungen, die sie auslösen sollten. In ‹Suono interno›, 1979, spannte er im leeren Raum einer ehemaligen Kirche in Florenz Klaviersaiten. Mit Zupfen und Reiben löste er Klänge wie von Flügelschlägen aus, die als Energieimpulse und Wellen durch den Raum hallten und ihn in eine Klangskulptur verwandelten. Das Publikum konnte durch ein an der Aussenwand mit Kreide bezeichnetes Guckloch ins Innere schauen.
Dass Fox Klang skulptural auffasste, bringt mich auf die Rosine zurück. Erst im Zug lag mir auf einmal das französische Wort für Rosine auf der Zunge. ‹Le raisin› vibrierte als ‹raison d'être› in meiner Mundhöhle und erzeugte wie die Werke von Terry Fox eine Resonanz, die innerlich nachhallt.

Bis: 06.05.2017


Symposium zu Terry Fox 5.-6.5.



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Terry Fox [10.03.17-05.06.17]
Institutionen Kunstmuseum Bern [Bern/Schweiz]
Autor/in Eva Dietrich
Künstler/in Terry Fox
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