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Besprechung
5.2017


Alice Henkes :  Extreme Vielfalt dominiert die diesjährige Auswahl der Bieler Fototage. Das Foto-Festival mit internationaler Ausstrahlung zeigt Fotografien und Videos zwischen Reportage, Kunst und ­fototechnischer Selbstreflexion. In diesem Jahr gehören 28 Ausstellungen an einem halben Dutzend Orten zum Programm.


Biel : Bieler Fototage - Extrême


  
links: Ismaïl Bahri · Revers, 2016, 10 Videos, HD, 16/9 Stereo, 5', Videos im Auftrag von Incorporated !, Les Ateliers de Rennes und La Criée centre d'art contemporain
rechts: Marion Balac · Anonymous Gods Series, 2014


Die Bieler Fototage, vor 21 Jahren gegründet, haben sich als wichtige Schweizer Plattform für zeitgenössische Fotografie von diesseits und jenseits des Röstigrabens und aus dem Ausland etabliert. Seit einigen Jahren haben auch Videoarbeiten, als enge technische Verwandte der Fotografie, einen festen Platz bei den Bieler Fototagen. Neben einem künstlerischen Anspruch fühlt sich das Fotofestival auch der Idee verpflichtet, auf soziale Gegebenheiten Bezug zu nehmen: Die Wahl eines jährlich wechselnden Oberthemas soll gesellschaftliche Relevanz erzeugen. In diesem Jahr dient der dehnbare Begriff ‹Extrême› als Klammer für 28 Ausstellungen, die in Randbereiche dessen gehen, was fototechnisch machbar, was gesellschaftlich verhandelbar ist und die dabei vor allem eines sind: höchst unterschiedlich. Der britische Fotograf Levon Biss geht in seinen Super-Makro-Aufnahmen extrem nah dran ans Objekt und zeigt Insekten in verblüffendem, bisher ungekanntem Detailreichtum. Das italienische Duo Defrost (Marco Tiberio und Maria Ghetti) zeigt ein fotografisches Projekt, das im Flüchtlingslager Calais entstanden ist. In einem provokativ gestalteten Fotobuch präsentieren sie Zelte, Bretterverhaue und andere Notunterkünfte mit blumigen Beschreibungen wie im Katalog eines Immobilienhändlers.
In der wahrhaft extremen Bandbreite der ausgewählten Arbeiten lässt sich ein Schwerpunkt in der Beschäftigung mit der Fotografie als solcher, ihren Grenzen und veränderten Möglichkeiten im Zeitalter der Digitalisierung entdecken. Der in Frankreich lebende tunesische Fotograf Ismaël Bahri geht in einem Video der Frage nach, welche Wirklichkeit, welche Relevanz ein gedrucktes Bild haben kann, indem er eine Zeitschriftenseite so lange und gründlich mit seinen Händen zerknüllt und knetet und wieder glättet, bis die Druckfarben sich vom weich gewordenen Papier abgelöst haben und als grauer Film an seinen Händen haften. Eine fast archaisch anmutende Arbeit über die Fragilität des Bildes. Der Manipulierbarkeit von Bildern und somit von wichtigen Informationen ist Marion Balac im Internet nachgegangen. Die französische Fotografin hat auf Google nach Stadtansichten aus verschiedenen Ländern gesucht. Google verpixelt automatisch alle Gesichter, die sich auf solchen Bildern finden, das Programm, das dafür eingesetzt wird, kann aber nicht zwischen Menschen und Statuen unterscheiden, weshalb auch religiöse und historische Denkmäler gesichtslos auf den Fotos erscheinen. Sinnvoller Schutz der Privatsphäre verwandelt sich in eine Absurdität.

Bis: 28.05.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Bieler Fototage [05.05.17-28.05.17]
Video Video
Institutionen Bieler Fototage [Biel/Bienne/Schweiz]
Autor/in Alice Henkes
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