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Besprechung
5.2017


Eva-Christina Meier :  International bekannt wurde die in der Schweiz geborene brasilianische Fotografin Claudia Andujar durch ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Lebensrealität der Yanomami, der grössten indigenen Gruppe im Amazonasgebiet. Eine Ausstellung bietet Einblick in das Werk der 85-jährigen Künstlerin.


Frankfurt/M : Claudia Andujar - Morgen darf nicht gestern sein


  
links: Claudia Andujar · Marcados, 1981-1983, Schwarzweissfotografie
rechts: Claudia Andujar · Morgen darf nicht gestern sein, 2017, Ausstellungsansicht MMK, Frankfurt/M


Ab 1971 lebte Claudia Andujar (*1931, Neuchâtel) für mehrere Jahre bei den Yanomami. In dieser Zeit entstanden eindrückliche Porträts - von Frauen, Männer und Kindern, die mit Gelassenheit und Neugier den Blick der Fotografin erwidern. «Ich bin keine Anthropologin. Ich bin sehr intuitiv meinem Gefühl zu ihnen gefolgt», erläutert Andujar ihr Vorgehen. «Es ist schwierig, zu sagen, wo das künstlerische Werk beginnt. Die Arbeiten sind aus dem Wunsch entstanden, diese Menschen zu verstehen und das zu zeigen. Ich bin Fotografin, das ist mein Medium.»
Nachdem 1974 die brasilianische Militärregierung begonnen hatte, mit einer Strasse in das Territorium der abgeschieden lebenden Stämme vorzudringen, waren die Amazonasbewohner/innen den eingeschleppten Krankheiten schutzlos ausgeliefert. So zeigt die Serie ‹Marcados› 87 Fotografien, die während einer von Andujar mitgetragenen Impfkampagne von 1981 bis 1983 entstanden und die Betroffenen mit einer Nummer um den Hals porträtierten. Durch ihre eigene Biografie war sich Andujar der Problematik dieser Nummerierung bewusst: «Ich denke, dass meine künstlerische Arbeit sehr viel mit meiner Geschichte zu tun hat. Tatsächlich fühle ich eine Verbindung zwischen dem, was heute der indigenen Bevölkerung passiert, und dem, was mir und meiner Familie geschah.» Andujar wuchs im ungarisch-rumänischen Oradea (Nagyvárad) auf. Ihr Vater sowie die gesamte jüdische Familie wurden während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager ermordet. Andujar entkam 1944 mit der Schweizer Mutter nach Brasilien und folgte ihr 1955 von New York nach São Paulo.
In irritierendem Magenta leuchtet die grossformatige Luftaufnahme vom Regenwald aus dem Hintergrund des Ausstellungsraums. Davor gruppieren sich Farbfotografien einer Yanomami-Versammlung von 2010 auf transparentem Glas in Betonsockeln - eine Referenz an die italienisch-brasilianische Architektin Lina Bo Bardi. Diese hatte die «Cavaletes» (Staffeleien) als begehbares Ausstellungssystem für den von ihr entworfenen Neubau des Museu de Arte de São Paulo/MASP 1968 konzipiert.
Mit einer Ansicht diseser Institution beginnt Andujars Serie ‹Através do Fusca›, 1979. «Nach einigen Jahren beschloss ich, zu den Yanomami zurückzukehren - nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Auto, einem VW Käfer. Ich lebte damals wie heute an der Avenida Paulista, dort, wo sich auch das MASP befindet.» Ihre dreizehn Bilder dokumentieren durch das Autofenster gerahmt diese dreiwöchige Reise und verbinden, was unvereinbar scheint.

Bis: 25.06.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen MMK 1: Claudia Andujar [18.02.17-25.06.17]
Institutionen MMK Museum für Moderne Kunst [Frankfurt/M/Deutschland]
Autor/in Eva-Christina Meier
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