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Besprechung
5.2017


Jana Bruggmann :  Es ist ungewöhnlich, dass die Ausstellung einer so jungen Künstlerin wie Claudia Comte in der Tagesschau beworben wird und auch ausserhalb des unmittelbaren Kunstkontextes ihr Publikum findet. So berichten selbst Lifestyle-Magazine ausführlich über die «Kettensägerin». Was erwartet die Besuchenden in Luzern?


Luzern : Claudia Comte - 10 Rooms, 40 Walls, 1059 m²


  
Claudia Comte · 10 Rooms, 40 Walls, 1059 m², 2017, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Luzern. Foto: Gunnar Meier


Es ist ungewiss, in welches Universum die Künstlerin ihr Publikum entführt: In ihrer ersten grossen Übersichtsausstellung im Kunstmuseum Luzern bespielt Claudia Comte (*1983) zehn Räume, schafft vierzig Wandbilder und füllt 1059 m². Es ist ein bunter Cocktail mit Ingredienzen aus der Op- und Pop-Art, der Konkreten Kunst sowie der Populärkultur. Dabei überrascht bereits der erste Raum mit seinen grossen Schaukeln, die an langen Seilen von der Decke hängen. Sie raunen dem Publikum zu, sich zu setzen und schaukelnd neue Perspektiven auf die Kunst zu erhaschen - wozu man sich gerne verlocken lässt. Trotz dieser wilden Kombination an Stilen und Referenzen wirkt die Ausstellung eigentümlich aufgeräumt. Jeder der zehn Räume bildet eine bewusst gesetzte, raumgreifende Installation, bestehend aus Skulpturen, Gemälden und Wandmalereien - als befände man sich in einem ­minutiös eingerichteten, überdimensionierten Setzkasten.
In der Tat hat die Künstlerin eine grosse Vorliebe für Raster und Systeme. Sie entwickelt eigene Spielregeln und arbeitet mit standardisierten Farbsystemen wie CMYK und RGB sowie mit zufälligen Masseinheiten (bspw. der Breite von Klebebändern). Die «Unordnung» liegt vielmehr im Aufeinandertreffen von unterschiedlichen Stilen und Milieus, in der Nivellierung von High und Low. Besonders augenscheinlich wird dies, wenn die banale Form eines Donuts vergrössert und in Marmor übertragen wird, oder wenn stilisierte Würste, wie man sie aus Cartoons kennt, eine Reihe von Gemälden umspielen. So wird die Ordnung der Dinge in Comtes Universum wieder auf den Kopf gestellt. Die Künstlerin erzeugt eine spannungsvolle Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Andererseits ist es in einer digitalen und globalisierten Welt, in der alles nebeneinander und zugleich existiert, lediglich konsequent, dass Comte Flugzeugbauteile so präsentiert, als handle es sich um afrikanische Masken. Doch nicht nur an Comtes Kunst, auch an Geschlechterstereotypen scheint sich das Medienecho zu entzünden. Bezeichnungen wie «Kettensägenfrau» oder Bemerkungen zu Oberarmen «hart wie Stahl» lassen aufhorchen. Kettensäge und Cowboystiefel vermögen selbst heute noch Fantasien und Gemüter zu erhitzen. Allemal ist Comtes Ausstellung bemerkenswert - Riesenkakteen, Marmordonuts und flimmernde Muster erzeugen Faszination, Erstaunen und ein Lächeln auf den Lippen.

Bis: 18.06.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Claudia Comte [04.03.17-18.06.17]
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Institutionen Kunstmuseum Luzern [Luzern/Schweiz]
Autor/in Jana Bruggmann
Künstler/in Claudia Comte
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