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Besprechung
5.2017


Kristin Schmidt :  Der Holzschnitt hat eine lange Geschichte als künstlerische Ausdrucksform, aber er diente auch immer wieder der Propaganda, der ­Bildung und Information. Andrea Büttner nutzt in ihrer Arbeit geschickt sowohl die ästhetische Stärke als auch die Vermittlungsfunktion der alten Technik.


St. Gallen : Andrea Büttner - Was braucht der Mensch?


  
links: Andrea Büttner · Beggar, 2017 (drei Versionen) und Fabric Painting, 2017, Ausstellungsansicht Kunst Halle Sankt Gallen ©ProLitteris, Courtesy Hollybush Gardens, London/David Kordansky Gallery, Los Angeles/Galerie Tschudi, Zuoz. Foto: Gunnar Meier
rechts: Andrea Büttner · Potatoes, 2017 und Bench, 2012, Schau der Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum Berlin über Simone Weil, Ausstellungsansicht Kunst Halle Sankt Gallen ©ProLitteris, Courtesy Hollybush Gardens, London; David Kordansky Gallery, Los Angeles; Galerie Tschudi, Zuoz. Foto: Gunnar Meier


Eine Bitte. Kein Befehl, kein Wunsch, keine Forderung - nur eine Bitte; nicht ausgesprochen, sondern angedeutet mit der Geste geöffneter Hände, geöffnet in der Hoffnung auf die Barmherzigkeit der Menschen. Andrea Büttner (*1972) vertraut auf die kommunikative Kraft der Geste und des Materials: Ihre grossformatigen Holzschnitte mit dem Motiv der bittenden Hände verweigern sich dem Anspruch auf künstlerische Raffinesse und senden ihre Botschaft direkt, einfach und unaufdringlich. Dabei handelt die in London und Frankfurt lebende Künstlerin nicht aus ­einem missionarischen Eifer oder Sendungsbewusstsein heraus. Vielmehr widmet sie sich übergeordneten humanistischen Fragen: Was macht den Menschen aus? Was das menschliche Zusammenleben? Was heisst menschlich denken und handeln? Welche religiöse und politische Dimension zeigt sich darin?
Büttner fasst die menschlichen Grundbedürfnisse mit reduzierten, aber umso prägnanteren Formen zusammen - die ins Holz geschnittenen Linien fügen sich zu einem Zelt, Bögen zu einem Iglu, rosafarbene Punkte stehen für ‹Potatoes›, 2017.
Die formale und inhaltliche Stärke ihrer eigenen künstlerischen Arbeit konfrontiert Büttner regelmässig mit anderen ästhetischen Praktiken. In der aktuellen Ausstellung in der Kunst Halle Sankt Gallen, ihrer ersten institutionellen Präsentation in der Schweiz, räumt sie der Installation ‹Friedensbibliothek/Antikriegsmuseum› einen prominenten Platz ein und integriert zudem eine Arbeit David Raymond Conroys (*1978). Die Friedensbibliothek ist eine Initiative, die zu DDR-Zeiten unter der Obhut der evangelischen Kirche gegründet wurde und bis heute besteht. Mit grossem Improvisationsgeschick erarbeiten die Mitglieder Wanderausstellungen. Büttner hat für ‹Gesamtzusammenhang› eine Schau über Simone Weil ausgewählt. Sie lässt den unbefangenen Umgang mit dem Werk der jüdischen Philosophin und mit fotografischen Klassikern unkommentiert stehen. Einzig im Dialog mit ihrer eigenen Arbeit eröffnet sich ein sachlich-kritischer Blick, ohne die Aussagekraft Weils zu mindern.
D. R. Conroy thematisiert Werte dort, wo sie einmal mehr ins Schleudern geraten. ‹(You (People) Are All The Same›, 2016, ist das Ergebnis eines Artist-in-Residence-Aufenthalts in Las Vegas. Auch das Video steht in grossem formalem Kontrast zu Büttners Werk. Doch den beiden ist es gelungen, ihre Werke zu einer sinnvollen Einheit zu verschränken - sogar über zwei Ausstellungsräume hinweg.

Bis: 07.05.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Andrea Büttner [04.03.17-07.05.17]
Institutionen Kunst Halle Sankt Gallen [St. Gallen/Schweiz]
Autor/in Kristin Schmidt
Künstler/in Andrea Büttner
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