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Besprechung
5.2017


Patricia Bieder :  Der 2016 eröffnete Erweiterungsbau des Landesmuseums ­Zürich von den Architekten Christ & Gantenbein schafft eine Brücke zwischen Alt und Neu. Eine Lücke schliesst auch das Kunst-und-Bau-Projekt an der Hoffassade von Mario Sala, der den entsprechenden Wettbewerb für sich entscheiden konnte.


Zürich : Mario Sala - DVSAVHELDS


  
Mario Sala · DVSAVHELDS (Die Verletzten schreien aus vollem Hals: Es lebe die Schweiz! ), 2016, Installationsansicht Innenhof des Landesmuseums Zürich. Foto: David Willen


Angesichts der vielen missglückten Anläufe zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Realisierung eines Kunst-und-Bau-Projekts am Landesmuseum, auch in Anbetracht der symbolischen Aufladung des Gebäudes präsentierte sich die Aufgabe als echte Herausforderung. Diese hat der in Winterthur lebende Künstler Mario Sala (*1965) mit einem komplexen und mutigen Werk eindrucksvoll angenommen. In die Bildfelder, deren ursprünglich geplantes Bildprogramm nach dem Tod des damals ausgewählten Künstlers Hans Sandreuter (1850-1901) nicht weitergeführt wurde, setzt Sala grosse Steinplatten. Damit antwortet er auf die Kleinteiligkeit der Mosaike, während er der Gegenständlichkeit abstrakte Formen entgegenstellt. Manchmal wirken die Steinplatten, als hätten äussere Kräfte auf sie eingewirkt - mal glauben wir Schusslöcher, mal Sprünge zu sehen. Gemeinsam mit dem Bildhauer Urs Traber hat Sala die verschiedenen Steine in aufwändigen Recherchen gesucht und bearbeitet. In den Feldern platziert, konservieren sie Geschichte.
Von den bildhaften Steinkompositionen schweift der Blick über die Fassade und bleibt an den Steinbrocken hängen, die der Schwerkraft trotzend erstaunlich anmutig am Giebel zu schweben scheinen. Diese «fliegenden Steine» verwandeln die burgähnliche Architektur von Gustav Gull in ein Märchenschloss und lenken die Aufmerksamkeit auf die Fassade. Plötzlich ist unklar, was zu ihr und was zur künstlerischen Intervention von Sala gehört. Diese unerwartete Vermischung ist eine Qualität der Arbeit, hält sie lebendig und offen für zukünftige Lesarten. Weitere in die vier Figurennischen gesetzte Steine fügen sich zu archaischen Skulpturen und stellen Figurentypen dar, vom König bis zum Soldaten.
Eine historische Fotografie aus der Zeit des Ersten Weltkriegs, auf der Soldaten im Innenhof des Landesmuseums zu sehen sind, lieferte den Ausgangspunkt von ­Salas Projekt, ist aber nicht Bestandteil der ausgeführten Arbeit. Auf der grobkörnigen Schwarz-Weiss-Aufnahme wirken die Soldaten wie versteinert. Die Legende der Abbildung lautet: «Die Verletzten schreien aus vollem Hals: Es lebe die Schweiz!» Die Anfangsbuchstaben führten zum kryptischen Werktitel ‹DVSAVHELDS›. Auch wenn dies ein Grossteil des Publikums nicht weiss, ermöglicht das monumentale Werk doch zahlreiche visuelle Bezüge zur kulturhistorischen Institution und fordert dazu auf, sowohl Gegenwart wie Geschichte sehend und denkend zu prüfen.



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Ausgabe 5  2017
Institutionen Schweizerisches Landesmuseum [Zürich/Schweiz]
Autor/in Patricia Bieder
Künstler/in Mario Sala
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