Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Besprechung
5.2017


Fabienne Liptay :  Continuity ist ein Prinzip des klassischen Kinos. Einstellungen werden so gefilmt und geschnitten, dass sie scheinbar nahtlos aneinander anschliessen. Der israelische Künstler Omer Fast unterwandert dieses Prinzip. Das Internationale Experimental Film & Video Festival Videoex zeigt seine Filme.


Zürich : Omer Fast - Eloquentes Stottern


  
Omer Fast · Continuity, 2012


In ‹CNN Concatenated›, 2002, werden Aufnahmen aus den Nachrichten des Senders CNN zu einer Video-Collage montiert. Einzelne Wörter, aus den Mündern unzähliger Sprecher/innen, werden in schneller Abfolge zu scheinbar endlosen ­Ansagen verkettet, unterbrochen lediglich durch das rhythmisch wiederkehrende Geräusch des Atemholens, auf das sich erneut Wortkaskaden ergiessen. Was wir ­hören, ist ein Redefluss und zugleich ein Stottern, ein Monolog der Medien und ein Chor der Stimmen, die aus dem Archiv der Berichterstattung im Umfeld der Ereignisse von 9/11 zu uns sprechen.
Zwei lange Jahre verbrachte Omer Fast (*1972) am Schnittplatz bis zur Fertigstellung dieser Arbeit. In der Installation ‹The Casting›, 2007, ist ein Interview des Künstlers mit einem US-amerikanischen Soldaten in gleicher Weise aus einzelnen Wörtern und Lauten montiert. Die improvisierte Erzählung von Erlebnissen im Irakkrieg, mit der sich der Soldat hier für eine Filmrolle empfiehlt, wird auf der anderen Seite der Doppelleinwand illustriert, in gestellten Szenen, die die Produktion eines Kinospielfilms mimen. Was wie der Blick hinter die Kulissen dieser Produktion anmutet, wird dabei als eigentliche Fiktion entlarvt: als das am Schnittplatz erzeugte Versprechen eines authentischen Kriegsberichts.
In der Arbeit ‹Continuity›, 2012, wird das brüchige Verhältnis der Erzählung zur Geschichte noch einmal aufgegriffen. Dreimal fährt ein deutsches Ehepaar zum Ortsbahnhof, um den zu Weihnachten aus Afghanistan heimgekehrten Sohn abzuholen; dreimal bringen sie einen anderen jungen Mann in Soldatenuniform nach Hause. Es sind, so ist zu vermuten, engagierte Statisten, die die Rolle des Sohns für das Ehepaar spielen. In einer Grube am Strassenrand erscheint ihnen ein Bild, das an Jeff Walls inszenierte Fotografie ‹Dead Troops Talk›, 1992, erinnert. Es zeigt die nach ­einem Anschlag in Afghanistan verwundeten Soldaten. Auf die Frage von Susan Sontag, was uns diese sprechenden Toten zu sagen hätten, erfindet Omer Fast eine Antwort. Er lässt sie in Gestalt der heimkehrenden Söhne erzählen, was vielleicht geschehen, vielleicht auch nur gespielt ist. Den Filmen von Omer Fast ist im Programm des Festivals Videoex ein Schwerpunkt gewidmet. Im Anschluss an das Screening findet ein Gespräch mit dem Künstler statt, geleitet vom britischen Schriftsteller Tom McCarthy, dessen Roman ‹Remainder› von Omer Fast 2015 verfilmt wurde.



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Videoex [20.05.17-28.05.17]
Institutionen Kunstraum Walcheturm [Zürich/Schweiz]
Autor/in Fabienne Liptay
Künstler/in Omer Fast
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170428120342GAM-20
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.