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Besprechung
5.2017


Miriam Wiesel :


Berlin : Christine Streuli - Warpaintings


  
Christine Streuli · Warpainting_001, 2016/2017, Mixed Media auf Leinwand, 240x170 cm


Der White Cube in der Berlinischen Galerie ist geradlinig strukturiert: An der einen Längsseite hängen vier farbenprächtige Leinwände aus der Serie der ‹Warpaintings›, 2016/17, die mit den 24 gerahmten, minimal bearbeiteten Zeitungsausschnitten von ‹Anything but the World›, 2002/03, gegenüber korrespondieren. Beide Male geht es implizit oder explizit um Krieg. Die ‹Warpaintings› basieren auf je unterschiedlichen Flecktarnmustern, die, von Camouflagestoffen inspiriert, unter einer weiteren Farbschicht fast verschwinden. Die Zeitungsausschnitte dagegen, gesammelt unter dem Eindruck von 9/11 bei Aufenthalten in New York und Kairo, zeigen Szenerien im Umfeld des dritten Golfkriegs, die durch Signalfarben manipuliert worden sind: internationale Konferenzteilnehmer, aufgereihte Kampfjets, Soldaten, die einen Gefangenen bewachen, verschleierte Frauen in Kriegsruinen... mit Sprechblasen, Mündern, Larven in Pink. Kriegsrhetorik. Eines dieser Zeitungsmotive - die sich auftürmende Rauchwolke einer Explosion - klebt als stark gerasterte Vergrösserung von fünf Metern Höhe an der einen Schmalseite und überschattet den Raum wie ein dunkles Omen. Braucht es als Gegengewicht die Bildcollage gegenüber?
Camouflage, das als militärisch konnotiertes Hintergrundrauschen die ‹Warpaintings› durchzieht, ist kein Muster wie jedes andere. Gern zitiert wird die Anekdote von Gertrude Stein, wonach Picasso angesichts einer getarnten Kanone 1915 ausgerufen habe «Das waren wir, die dies geschaffen haben» - und damit auf die Auflösung des Objekts in der gegenstandslosen Kunst rekurriert. Die optische Verschmelzung mit der Umgebung hat die spezifische Ausprägung der grün-braunen Flecken hervorgebracht. Von Streuli in leuchtende Farben übersetzt und unter Frottagen und flüssig verlaufender Farbe fast verborgen, fragt man sich allerdings, womit die Kunst in ­einem White Cube verschmilzt. Getarnte Tarnung als selbstreferentielle Oberfläche? Streuli hat die Hinwendung zu einer neuen Serie einer schöpferischen Krise zugeschrieben. Eine Krise zu haben, sei keine Ausnahme, sondern die Regel, gibt uns Nachkriegsgeborenen die ungarische Philosophin Ágnes Heller mit auf den Weg. Lernen wir also, damit umzugehen, wie Streuli es vormacht: produktiv. Christine Streuli (*1975, Schweiz) ausgezeichnet «für ihren kalkulierten und zugleich grell übersteigerten Umgang mit den Ausdrucksformen der Malerei», ist die fünfte Frau, die den seit 1992 insgesamt 21 Mal verliehenen Fred-Thieler-Preis erhält.

Bis: 09.10.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Christine Streuli [18.03.17-09.10.17]
Institutionen Berlinische Galerie [Berlin/Deutschland]
Autor/in Miriam Wiesel
Künstler/in Christine Streuli
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