Links zum Text und die Möglichkeit, diese Seite weiterzusenden, finden Sie am Ende dieser Seite


Hinweis
5.2017




Augst : Kraftwerk Augst


von: Iris Kretzschmar

  
links: Stefan Baltensperger · Untitled, 2014
rechts: Andreas Schneider · Justified true belief, 2017, Textil bedruckt


How to blur lines: Seien es politische, soziale oder imaginierte Linien - Grenzen sind ein aktuelles Thema. Erst recht, wenn der Standort durch eine Staatsgrenze in der Mitte der Ausstellungsarchitektur bestimmt wird: Das Kraftwerk Augst liegt zwischen Deutschland und der Schweiz. Im Maschinenhaus, einem historischen Industriebau der Jahrhundertwende, findet jährlich eine Kunstausstellung statt. Für 2017 lud die Kuratorin Alice Wilke sechs Kunstschaffende aus Zürich und Basel ein, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Entstanden sind teils neue, ortsspezifische Arbeiten von Andreas Schneider, so ‹Justified true belief› und ‹Dazwischen› von Alexandra vom Endt. Letztere verdeckt die Fenster mit gelblichen Folien, die sie mit einem Gespinst von feinen Kratzlinien überzogen hat. Die Grenze wird hier zur Membran zwischen heute und damals, erinnert an eine frühere Rheinverschmutzung mit Schwefel. Der so getrübte Blick lässt uns unweigerlich die Ohren spitzen und die Aufmerksamkeit verstärkt auf das Akustische richten, auf die Komposition des Musikers Günter Müller. Es ist eine Soundcollage aus Turbinentönen und Kratzgeräuschen, die das Bewusstsein für Klang und Bild, Raum und Zeit schärft. Mit sozialen und geografischen Grenzen beschäftigt sich das Künstlerduo Baltensperger und Siepert. Auf dem Hintergrund der Flüchtlingsströme geht Stefan Baltenspergers (*1976) Arbeit ‹Untitled›, 2014, Fragen einer inneren und äusseren Migration nach. Seine knieenden Koffergestalten sind Objekt und Skulptur zugleich, lassen sich als Menschentransport und/oder Gefangenengruppe lesen. Subtil verwischt David Siepert (*1983) die Grenze zwischen den Weltanschauungen von Ost und West mit seiner Arbeit in ‹Censored Dresses›, 2012. Dafür ging er von westlichen Modeanzeigen aus, die in arabischen Ländern von Hand retouchiert worden waren, um bestimmte Körperzonen zu kaschieren. Diese Zensur-Ästhetik diente Siepert wiederum als Entwurf für eine neue Modelinie, die er im Osten nähen liess. Dresscode als Einschränkung oder Herausforderung für Mode-Inspiration? Gerade in der Geschlechterfrage scheiden sich die Geister zwischen Kulturen. Mit Sieperts Werken werden Tabuzonen hinterfragt und durch neue Perspektiven entschärft - Grenzgänge als Anstoss zum Nachdenken, ein Anliegen der Ausstellung in Augst.

Bis: 18.05.2017



Links

Anfang Zurück zum Anfang
Ausgabe 5  2017
Autor/in Iris Kretzschmar
Link http://www.kwa.ch
Weitersenden http://www.kunstbulletin.ch/router.cfm?a=170428164255AKX-26
Geben Sie diesen Link an, falls Sie diesen Eintrag weitersenden möchten.