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Hinweis
5.2017




Berlin/München : Vermisst


von: Hans Rudolf Reust

  
links: Franz Marc · Der Turm der blauen Pferde, 1913, Öl auf Leinwand, 200x130 cm, Gemälde ist seit 1945 verschollen, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin
rechts: Slawomir Elsner · Der Turm der blauen Pferde (nach Franz Marc, 1913), 2016, Farbstift auf Papier, 200x130 cm. Foto: Sebastian Schobbert


Franz Marcs ‹Turm der blauen Pferde› von 1913 ist ein Hauptwerk des Blauen Reiters, ja des deutschen Expressionismus überhaupt. Doch das Gemälde ist seit Ende des Zweiten Weltkriegs verschollen. Überliefert ist es nur in Farbabbildungen - und als Zeichnung auf einer Postkarte, die Marc zu Silvester 1912 an Else Lasker-Schüler schrieb und die heute im Besitz der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen ist.
Jetzt haben Katja Blomberg, Direktorin des Berliner Hauses am Waldsee, und Michael Hering, Chef der Münchner Graphischen Sammlung, um die kleine Karte und eine grosse Leerstelle herum eine Hommage inszeniert: ‹Vermisst: Der Turm der Blauen Pferde› mit Beiträgen von acht Gegenwartskünstler/innen in München und zwölf weiteren in Berlin.
Orte und Zeitpunkt dieser konzeptuell spannenden, facettenreichen Ausstellung sind nicht zufällig: Der ‹Turm› wurde zuletzt vor achtzig Jahren in München gezeigt: 1937 in der NS-Propaganda-Schau ‹Entartete Kunst›. Und das Haus am Waldsee war einer der letzten Orte, an denen er gesehen wurde. Spekulationen über den Verbleib hält Blomberg mit Verweis auf die wenigen sicheren Fakten in Zaum. Aber sie hält es für möglich, dass «kunstbegeisterte russische Offiziere das Bild mitgenommen haben».
In der Münchner Pinakothek der Moderne bildet die Zeichnung das Zentrum, Thomas Kilppers Bodeninstallation ist das verbindende Element: Bretter, in die Spuren eines Leopard-II-Panzers und Zitate aus Marcs ‹Briefen aus dem Feld› eingeritzt sind. Von der Kriegsrhetorik von damals zieht Kilpper die Linie zum Rüstungs­exportweltmeister Deutschland heute.
Andere arbeiten sich formal am Meisterwerk ab: Slawomir Elsner, der es in Farbwerte und Umrisse abstrahiert. Tatjana Doll, die es in ‹RIP - Lost and Found› mit Lack auf Leinwand schematisch wiederauferstehen lässt. Und Viktoria Binschtoks Fotoserie überrascht damit, wie präsent das vermisste Bild ist: auf Kaffeetassen, Schlüsselanhängern, Taschenspiegeln.
Im Haus am Waldsee rücken Geschichte und Verlust des ‹Turms› in den Mittelpunkt. Christian Jankowski tut so, als sei er noch vorhanden: Er sandte eine Leihanfrage, organisierte Transport und Versicherung und bereitete die Wand mit Dübeln für eine schwere Last - allein, was fehlt, ist das Bild. Norbert Bisky malt den ‹Turm› nach und zerstörte ihn anschliessend: Was bleibt, ist die verbrannte Leinwand.

Bis: 05.06.2017



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Ausgabe 5  2017
Ausstellungen Vermisst [08.03.17-05.06.17]
Ausstellungen Vermisst: Der Turm der blauen Pferde von F. Marc [03.03.17-05.06.17]
Institutionen Pinakothek der Moderne [München/Deutschland]
Institutionen Haus am Waldsee [Berlin/Deutschland]
Autor/in Hans Rudolf Reust
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